Sinnesbeeinträchtigungen in der Pflege
im sozialen Nahraum
Neues Modellprojekt des Blindeninstituts Würzburg
Einleitung
Kenntnisse über Sinnesbeeinträchtigungen sowie deren Auswirkungen sind im Pflegesektor noch nicht ausreichend verankert. Auch in der breiten Öffentlichkeit fehlt es häufig an Informationen zu Möglichkeiten der Versorgung und Kompensation. Das 2025 gestartete Modellprojekt „Sinnesbeeinträchtigungen in der Pflege im sozialen Nahraum“ des Blindeninstituts Würzburg soll zur Verbesserung der Situation beitragen. Gefördert wird das Projekt vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention sowie von der Vogel-Stiftung Dr. Eckernkamp und steht unter der Schirmherrschaft der Bayerischen Staatsministerin Judith Gerlach. Das Modellprojekt ist mit einer Laufzeit von drei Jahren angelegt. Es zielt darauf ab, in Zusammenarbeit mit den unterfränkischen Gesundheitsregionenplus – das sind regionale Netzwerke, welche die Gesundheitsversorgung und -vorsorge und Pflege in Bayern verbessern sollen – übergreifend sowie in sieben ausgewählten Modellkommunen sowohl konzeptionell als auch durch verschiedene Veranstaltungen ein Bewusstsein für Sinnesbeeinträchtigungen im Alter zu schaffen und die beteiligten Akteure vor Ort zu schulen und miteinander zu vernetzen. Die Erkenntnisse sollen evaluiert und in einem Leitfaden aufbereitet werden, um diese anschließend für alle bayerischen Regionen zu nutzen. Während der gesamten Laufzeit wird das Projekt wissenschaftlich von der AfA – Arbeitsgruppe für Sozialplanung und Altersforschung GmbH begleitet.
Ausgangslage: Die Notwendigkeit des Modellprojektes
Der Bedarf an unterstützenden Angeboten für pflegebedürftige Menschen wird in den kommenden Jahren weiter steigen. Allein in Bayern lebten Ende 2023 über 630.000 pflegebedürftige Menschen, was einem Anstieg von 9,2 % zwischen 2021 und 2023 entspricht. Besonders betroffen ist die Gruppe der über 80-Jährigen, von denen aktuell rund 365.000 Menschen in Bayern leben (Bayerisches Landesamt für Statistik 2024). Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für Sinnesbeeinträchtigungen deutlich an, was nicht nur die individuelle Lebensqualität einschränkt, sondern auch die soziale Teilhabe erschwert.
Die Blindeninstitutsstiftung setzt sich bereits seit vielen Jahren dafür ein, ein Bewusstsein für Sinnesbeeinträchtigungen im Alter zu schaffen. Das Modellprojekt „Sehen im Alter“ (2012–2015) untersuchte das Sehvermögen von Bewohnenden in unterfränkischen Pflegeeinrichtungen und deren augenärztliche und augenoptische Versorgung. Die Ergebnisse des Modellprojekts legten den Grundstein für das Präventionsprogramm „Gutes Sehen in Pflegeeinrichtungen“, das seit 2017 Pflegeeinrichtungen in ganz Bayern aufsucht, um diese für das Sehen im Alter zu sensibilisieren und zu schulen. Seit 2021 führt das Blindeninstitut Würzburg darüber hinaus auch ein Präventionsprogramm zu „Hören und Kommunikation in Pflegeeinrichtungen“ durch. Durch das neue Modellprojekt sollen nun auch verstärkt Zielgruppen im außerstationären Bereich erreicht werden.
Auswirkungen von (erst spät erworbenen) Sinnesbeeinträchtigungen
Die meisten Menschen wünschen sich, im Alter möglichst lange und selbstständig im vertrauten Umfeld leben zu können. Eine Seh- oder Hörminderung kann jedoch dazu führen, dass die Betroffenen ihre Selbstständigkeit verlieren oder sich sozial isolieren und kognitive Einschränkungen entwickeln. Sinnesbeeinträchtigungen werden in der internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit der WHO (ICF) im Bereich „funktionaler Gesundheitszustand“ aufgeführt. Einschränkungen in der Seh- und/oder Hörfähigkeit, die nicht durch Hilfsmittel kompensiert werden – oder aufgrund der Art der Beeinträchtigung nicht mehr kompensiert werden können – bedingen bzw. begünstigen wiederum die Entwicklung bzw. das Fortschreiten weiterer gesundheitlicher Einschränkungen und Erkrankungen, wie z. B. einer Demenz (Livingston et al. 2024, 572)
Die genannten Zusammenhänge sind in der folgenden Tabelle (Tabelle 1) dargestellt:
Tabelle 1: Sinnesbeeinträchtigungen und ihre Folgen (Eigene Darstellung, angelehnt an Heussler/Seibl in „Sehen im Alter“ 2022, 98)
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Sinnesbeeinträchtigungen mindern … |
Sie können daher zu … führen |
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Selbstständigkeit in den Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) |
Mangelernährung, Verwahrlosung, (Pflege-)Abhängigkeit, Inaktivität |
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räumliche Orientierung, Mobilität und Aktivität |
Kreislaufprobleme, Gleichgewichtsstörungen, Beeinträchtigungen der Mobilität, Muskelschwäche, erhöhte Sturzgefahr |
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zeitliche |
Störung des Tag-Nacht-Rhythmus, vermeintliche Vergesslichkeit, Antriebslosigkeit |
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Erinnerungs-, Merk-, Entscheidungsfähigkeit |
Fehlbeurteilung von Situationen oder Gefahren, inadäquates Sozialverhalten |
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Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeit, soziale Orientierung und Teilhabe |
Erschwerte Kommunikation und Interaktion, soziale Isolation, depressive Verstimmung, Depression, Angst, Aggression, Sinnverlust |
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Konzentration, kognitive Ressourcen |
Müdigkeit, Erschöpfung (körperlich, kognitiv, emotional), mangelnde Stimulation, verminderte Aufnahme von Informationen, Demenz. |
Viele der aufgeführten Beeinträchtigungen und Probleme wirken sich erheblich auf das physische, emotionale und soziale Wohlbefinden aus und bedingen wiederum einen erhöhten Unterstützungs- und Pflegebedarf. Dass altersbedingte Sinnesbeeinträchtigungen zu weiteren Folgeerkrankungen führen können, wird auch im 2015 veröffentlichten Bericht „Gesundheit in Deutschland“ des Robert Koch-Instituts (RKI 2015) beschrieben:
„Die physiologischen Prozesse des Alterns bringen allmähliche Funktionseinbußen mit sich, die vor allem die Sinnesorgane, die Muskulatur und die Gelenke betreffen. So nehmen beispielsweise Hör- und Sehvermögen langsam ab […]. Aus altersassoziierten Funktionseinbußen können altersspezifische Folgen mit Krankheitswert entstehen.“ (RKI 2015, 418)
Die Prävention von Sinnesbeeinträchtigungen bzw. deren Fortschreiten sowie die adäquate Versorgung und Unterstützung von bereits vorhandenen Seh- und/oder Hörbeeinträchtigungen können somit einen erheblichen Beitrag dazu leisten, Pflegebedürftigkeit zu verringern.
Mangelndes Wissen im Pflegesektor und unzureichende Versorgung
Trotz der wachsenden Anzahl an Seniorinnen und Senioren mit einer Sinnesbeeinträchtigung sowie deren weitreichenden Auswirkungen auf die Lebensgestaltung der Betroffenen ist das Bewusstsein für die Thematik gesamtgesellschaftlich sowie im Pflegesektor im Speziellen noch unzureichend. Häufig fehlt es an Wissen, dass das Seh- und Hörvermögen entscheidend auf die Lebensqualität von Seniorinnen und Senioren einwirkt, positiv zur Sturzprophylaxe beiträgt und Teilhabe und Selbstbestimmung ermöglicht. Da grundlegende Inhalte zur Hör- und Augengesundheit nur lückenhaft bekannt sind, fehlen außerdem Kompetenzen zur Unterstützung der beeinträchtigten Personen.
Dieses Problem hat seine Ursache u. a. darin, dass die Sinneswahrnehmung in der generalistischen Pflegeausbildung nur in sehr geringem Umfang Berücksichtigung findet, wobei der Fokus auf anatomischen Inhalten liegt. Auswirkungen auf den Lebens- und Pflegealltag, der Umgang mit Betroffenen sowie die komplexe Wechselbeziehung von Sinnesbeeinträchtigungen und weiteren Erkrankungen werden in den Lehrplänen nicht abgebildet. Auch spezifische Fortbildungen zum Thema „Sehen und/oder Hören im Alter“ werden im Pflegesektor wie auch in der Altenhilfe und Seniorenarbeit allgemein kaum angeboten, was darauf schließen lässt, dass der Stellenwert der Themen bislang noch nicht erkannt wurde.
Darüber hinaus ist auch der Zugang zu medizinischer Versorgung für pflegebedürftige Menschen meist erschwert. Kann die ärztliche Praxis aufgrund von neurokognitiven Einschränkungen (Demenz) oder Einbußen der Mobilität nicht mehr aufgesucht werden, findet meist keine augenärztliche und HNO-ärztliche Behandlung mehr statt. Dies betrifft sowohl Personen im häuslich-ambulanten wie auch stationären Bereich (Pflege-Report 2022). Hinzu kommt, dass viele Arztpraxen nicht barrierefrei sind, ein Transport nicht möglich ist, da unterstützende Begleitpersonen fehlen, oder auch die Notwendigkeit regelmäßiger ärztlicher Kontrollen und deren großer präventiver Nutzen nicht ausreichend bekannt sind (Larsen et al. 2017). Auch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachgruppen (Ophthalmologie, Oto-Rhino-Laryngologie, Neurologie, Allgemeinmedizin, Augenoptik, Hörakustik, Rehabilitation, Geriatrie, Psychologie etc.) findet meist nicht im ausreichenden Maße statt.
Konzeption und Zielsetzung des neuen Modellprojekts
Ziel des Modellprojekts „Sinnesbeeinträchtigungen in der Pflege im sozialen Nahraum“ ist es, Menschen mit Pflegebedarf in ihrer Gesundheitskompetenz bezüglich Sehen und Hören zu stärken. Darüber hinaus soll das Bewusstsein für Sinnesbeeinträchtigungen geschärft werden und präventive Maßnahmen im sozialen Nahraum für Menschen mit Pflegebedarf und Demenz etabliert werden. Dafür werden Betroffene selbst wie auch verschiedene Zielgruppen im Bereich Pflege mithilfe von Fortbildungs-, Beratungs- und Sensibilisierungsangeboten informiert und qualifiziert, um somit die Prävention und Versorgung von Seh- und Hörbeeinträchtigungen, die im Lauf des Lebens erworben werden, insbesondere bei Menschen mit zusätzlichem Pflegebedarf zu verbessern.

Abbildung 1: Zielsetzung und Handlungsschwerpunkte (Eigene Darstellung der Blindeninstitutsstiftung)
Zielgruppen
Im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel und aufgrund der Alterslastigkeit der Verteilung von Sinnesbeeinträchtigungen werden Seniorinnen und Senioren als primäre Zielgruppe bezeichnet, wobei Menschen mit Pflegebedarf altersunabhängig eingeschlossen werden sollen.
Die Zielgruppe profitiert sowohl von den direkt an sie gerichteten Aktivitäten als auch von der Schulung, Aufklärung und Beratung von ehrenamtlichen und professionellen Personen im Bereich der Pflege. Dazu zählen einerseits die Personen, die als direkte Begleiterinnen und Begleiter im Alltag nah an den Menschen mit Unterstützungsbedarf agieren und sie unmittelbar in ihrer Lebenswelt begleiten, beispielsweise pflegende Angehörige, Ehrenamtliche, Pflegefachkräfte oder Fachkräfte der sozialen Betreuung. Andererseits bedarf es darüber hinaus auch der Sensibilisierung und Erweiterung des Wissens und der Fachkompetenz übergeordneter Fachstellen, die in der Steuerung und Beratung tätig und dazu in der Lage sind, ihre Kenntnisse gezielt an die weiteren Akteure vor Ort weiterzugeben.
Umsetzung auf zwei Ebenen
Um einerseits eine möglichst breite Bewusstseinsbildung für die „Sinnesbeeinträchtigungen in der Pflege im sozialen Nahraum“ zu erzielen und andererseits ein Konzept für die vertiefte Umsetzung in einzelnen Regionen erarbeiten und evaluieren zu können, ist die Umsetzung in zwei Stufen vorgesehen:
Für die verschiedenen Akteure/Zielgruppen werden durch das Projektteam des Blindeninstituts Würzburg in ganz Unterfranken sowohl digital als auch in Präsenz Aktivitäten zur Sensibilisierung und Wissensvermittlung zu Sinnesbeeinträchtigungen, deren Auswirkungen, Unterstützungsmöglichkeiten etc. umgesetzt, um eine generelle Bewusstseinsbildung zu erreichen.
In Zusammenarbeit mit den neun unterfränkischen Gesundheitsregionenplus werden in ausgewählten Modellregionen die bestehenden Versorgungs- und Beratungsstrukturen sowie regionalen Steuerungsgremien vertieft gestärkt, beraten und bei der Vernetzung unterstützt. Dies geschieht mit dem Ziel, dass Sinnesbeeinträchtigungen nachhaltig im gesundheits-/seniorenpolitischen Gesamtkonzept bzw. im Quartiersmanagement/seniorengerechten Quartierskonzept berücksichtigt und verankert werden.
Zur Gewährleistung der Nachhaltigkeit des Modellprojekts sollen die Erfahrungswerte und Ergebnisse in einem Leitfaden festgehalten werden. Dadurch kann das Vorgehen zu den „Sinnesbeeinträchtigungen in der Pflege im sozialen Nahraum“ im Anschluss an die Projektlaufzeit auch auf weitere bayerische Regionen übertragen werden.

Abbildung 2: Ebenen des Modellprojekts. Eigene Darstellung.
Ausblick
Nachdem das Projektteam, bestehend aus den Fachbereichen Orthoptik, Optometrie, Hörakustik, Pädagogik und Öffentlichkeitsarbeit, erfolgreich besetzt wurde, konnten bereits erste Schritte zur Umsetzung des Modellprojekts vollzogen werden: So wurde ein Lenkungsgremium ins Leben gerufen, welches die gesamte Laufzeit begleitet. Verschiedene Multiplikatoren aus den Bereichen Hören, Sehen, Pflege, Gesundheit, Politik etc. stehen beratend zur Seite, unterstützen bei der Informationsweitergabe und Vernetzung und lassen ihre Expertise in das Projekt einfließen.
Darüber hinaus wurde die Zusammenarbeit mit den Gesundheitsregionenplus aufgenommen, wobei die Thematik der Sinnesbeeinträchtigungen im Alter auf eine durchweg positive Resonanz gestoßen ist. Erste gemeinsame Veranstaltungen sind in Planung und die Akquise der vertieft teilnehmenden Modellkommunen wird aktuell vorbereitet. Sobald diese final feststehen, kann mit der Bedarfserhebung und der darauf abgestimmten Maßnahmenplanung begonnen werden.
Letztendlich soll durch das Modellprojekt bewirkt werden, dass für die Seniorinnen und Senioren mit und ohne bestehende Sinnesbeeinträchtigung eine Verbesserung der Teilhabe, Selbstständigkeit und Lebensqualität erreicht wird. Zudem sollen deren Gesundheitskompetenz und gesundheitliche Chancengleichheit gestärkt und der Pflege- und Unterstützungsbedarf reduziert werden. So wird auch die Pflege durch den reduzierten Pflegebedarf entlastet.
Literaturverzeichnis
Bayerisches Landesamt für Statistik (2024). Pressemitteilung, Mehr Pflegebedürftige in Bayern am Jahresende 2023. Online verfügbar unter https://www.statistik.bayern.de/presse/mitteilungen/2024/pm368/index.html (abgerufen am 15.04.2025).
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Larsen, Petra P./Islomova, Khotimakhon/Schnetzer, Anne/Holz, Frank G./Finger, Robert P. (2021). Ophthalmologische Versorgung im Seniorenheim: Die OVIS-Studie. In: Sabine Lauber-Pohle/Alexander Seifert (Hg.). Sehbeeinträchtigung im Alter. Blinden- und Sehbehindertenpädagogik im Kontext Lebenslangen Lernens. Wiesbaden, Springer VS, 59–66. https://doi.org/10.1007/978-3-658-32302-8_5
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Robert Koch-Institut (2015). Gesundheit in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, gemeinsam getragen von RKI und Destatis. Berlin.
Seibl, Magdalena/Heussler, Fatima (2022). Sehen und kognitive Einschränkungen. In: Blindeninstitutsstiftung (Hg.). Sehen im Alter, Diagnostik, Rehabilitation, Prävention. Stuttgart, Kohlhammer, 85–103.

Franziska Köhler
Digital Humanities und Germanistik (M. A.)
Blindeninstitut Würzburg
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Amelie Seidel
Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation (M. A.)
Blindeninstitut Würzburg
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