Mareike Steinhöfel

Jahrestagung der AG Musik im VBS vom
08.–11.10.2024 in Hammelburg

„Yes, we BAND – Rock und Pop im Klassenzimmer“

Mareike Steinhöfel

Wer unsere Tagungsberichte der letzten zwei Jahre gelesen hat, weiß eigentlich schon, wie unsere Tagungen beginnen – mit unserer inzwischen schon fast offiziellen Hymne von Hannes Wader:

„Nun Freunde, lasst es mich einmal sagen:
Gut, wieder hier zu sein – gut, euch zu sehn.
Mit meinen Wünschen, mit meinen Fragen
fühl ich mich nicht allein.
Gut, euch zu sehn.“

Diesmal nämlich standen unsere Fragen und Wünsche bereits am Ankunftsabend im Mittelpunkt, denn unser erstes Thema hieß „Schule im Wandel – Musikunterricht im Wandel“. Schon in der Begrüßungsrunde wurde klar, dass wir zu dieser Tagung besonders bunt aufgestellt waren: von Studierenden bis hin zu Berufserfahrenen, von sehend bis blind, von Arbeitsplätzen an Förderzentren bis zur Inklusion, von Schulen über Werkstätten bis zur Erwachsenenbetreuung und natürlich waren auch alle Bildungsgänge abgedeckt. So konnten wir mit einer breiten Palette an Ideen und Antworten rechnen.

In Gruppen wurden Fragen gestellt zum Stellenwert des Musikunterrichts an der Einrichtung sowie zur Definition eines modernen, zeitgemäßen Unterrichts. Wir tauschten uns auch aus über die Möglichkeiten, Schülerschaft und Kollegium für Musik zu begeistern, und zu den Gelingensbedingungen dafür. Trotz der großen Heterogenität der Teilnehmendenschaft kristallisierten sich im Austausch viele gemeinsame Wünsche und Wer­te heraus. Am Ende des Abends wurden die Erkenntnisse der einzelnen Gruppen vorgetragen und an der Pinnwand angeordnet. Im Laufe der Tagung und beim Schlusswort kamen wir mehrmals auf einzelne Aussagen zurück.

Nach so viel Theorie waren Musizieren und Bewegung sehr willkommen. Nora Nienke, Leipzig, brachte uns mit ihrer Choreografie in Schwung und zeigte auf, wie man z. B. durch rhythmisches Klatschen und Richtungswechsel den Aufbau der Musik erfahrbar machen und die Orientierung in Musikstück und Raum erleichtern kann.

Mit Spannung und Vorfreude warten wir jedes Jahr auf die Beiträge von Torsten Nowitzki, Nürnberg. Seine Lieder sind nicht nur ein großer Singespaß für Kinder, sondern sie erheitern mit ihren Texten auch die Erwachsenen. Beim Schnupfenlied wird z. B. musikalisch geniest, im Mückenlied besteht der gesamte Refrain aus nervtötendem sssssss-Surren und das Winterlied enthält extra Sprech-Stellen für die Jungs, die zu cool zum Singen sind. Immer wieder erklingen sofort nach unserer Rückkehr seine Lieder in unseren heimischen Schulen. Ihm sei an dieser Stelle herzlich gedankt für seine Kreativität und die Großzügigkeit, mit der er Texte und Noten für uns freigibt.

Unser Augenmerk liegt auf der Vermittlung von Musik mit sehbehinderten und blinden Menschen. Von hohem Wert sind in diesem Zusammenhang Beispiele und Beiträge aus der Praxis. Einige Tagungsteilnehmende schlüpften dafür in die Rolle der Workshopleitenden und füllten den 9. Oktober mit vielfältigen Angeboten aus.

Linus Gutmann, Ilvesheim, stellte das kostenlose Notensatzprogramm MuseScore 4.4.2 mit seinen Funktionen vor und ließ uns anschließend einen Song in MuseScore aufschreiben. In der Version von MuseScore 4.0 sind einige barrierefreie Funktionen neu entwickelt worden. Das ist für blinde Nutzende und den Ausdruck in Braille-Notenschrift von großer Bedeutung. Diese Funktionen wurden vorgestellt und teilweise ausprobiert. Dass man das Notenbild invertieren und Kontraste verstärken kann und die Sprachausgabe einsetzbar ist, macht das Programm auch für Sehbeeinträchtigte interessant. Es entstand ein eifriger Austausch über Möglichkeiten und Grenzen der Nutzung von MuseScore. Dankenswerterweise hat Linus seine Erfahrungen bei www.augenbit.de für alle zugänglich eingestellt.

An einem Tisch im Seminarraum sitzen 2 Personen, die das Notenschreibprogramm MuseScore ausprobieren. Der Mann im Vordergrund nutzt zur Arbeit einen Laptop mit angeschlossener Braillezeile sowie Kopfhörer. Die Frau im Hintergrund arbeitet sowohl mit Laptop als auch mit Papier und Stift.

Abbildung 1: Teilnehmende bei der Arbeit mit dem Notenprogramm MuseScore

Camilla Brands, Neuwied, arbeitet im Grundschulbereich mit Kindern mit komplexen Förderbedarfen. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass in sehr heterogenen Gruppen das Lernen mit Bewegung besser funktioniert als viele andere Vermittlungsmethoden. Ihr Workshop „Musik bewegt“ befasste sich deshalb damit, wie man die Lieder und Texte motorisch umsetzen kann. Bildkarten, Symbole, Kostüme, Gesten aus der Gebärdensprache und anderes helfen beim Merken von Bewegungsabläufen, schaffen Anreize und geben Sicherheit im Ablauf. Mit großem Spaß probierten wir mehrere Lieder und Tänze aus. Es entspannen sich fachliche Diskussionen um die Umsetzung unter verschiedenen räumlichen, personellen und materiellen Voraussetzungen. Ganz wichtig war immer der Bezug zur Sehbehinderung. Camilla teilte ihre Quellen und Finde-Möglichkeiten mit uns und stellte viel Material zur Verfügung.

Beate Hesse, Friedberg, zeigte uns in ihrem Workshop, dass man tatsächlich auch mit Boom­whackers Popmusik begleiten und dabei viel Spaß haben kann. Die Einsatzmöglichkeiten der Plastikröhren sind vielfältig und lassen sich an die musikalischen und motorischen Möglichkeiten der Schülerinnen und Schüler anpassen. Songs mit wenigen Harmonien – davon gibt es ja reichlich in der Popmusik – lassen sich aufpeppen und auch choreografisch gestalten. Ein großes Dankeschön geht an Beate, die nach einer Absage extrem kurzfristig den Workshop übernahm und uns die eher ungebräuchliche Verwendung der Boomwhackers zeigte.

Sehbehinderte oder blinde Teilnehmende geben uns oft sehr wertvolles Feedback zu den jeweiligen Inhalten und deren sehbehindertenspezifischer Umsetzung. Sie unterziehen quasi alles einem ersten Praxistest und geben Impulse bei gemeinsamen methodischen Überlegungen. In einem besonderen Workshop konnten dieses Jahr die Sehenden ihr theoretisches Wissen durch Praxiserfahrungen ergänzen.

Ines Riedemann, Hamburg, führte mit uns eine „Musikstunde unter der Augenbinde“ durch. Ziel war es, die eigene Wahrnehmung zu sensibilisieren und auf verschiedene Stressoren für blinde Schülerinnen und Schüler aufmerksam zu machen.

In völlig fremder Umgebung und Dunkelheit unter der Augenbinde war bereits Auf- und Wiederfinden von Sitzplatz und Instrumententisch eine Herausforderung. Gemeinsames Musizieren und die Interaktion mit anderen sowie das zielgerichtete Hören bei den vielen störenden Nebengeräuschen machten uns wieder klar, welche Schwierigkeiten sich auftun können und wie unterschiedlich das Erleben derselben Situation für blinde oder sehbehinderte Menschen sein kann. Als Späterblindete konnte Ines sich in alle hineinversetzen und viele wertvolle Tipps mitgeben.

Als Hauptreferenten konnten wir Christian Schatka-Reith gewinnen. Er ist als Livemusiker, Musikpädagoge, Kinderliedermacher, Autor, Kulturschaffender und Musikproduzent tätig. Seit über 10 Jahren ist er auch als Referent u. a. für den Verband deutscher Musikschulen unterwegs und lehrt als Gastdozent an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim im Bereich Banddidaktik. Seine Workshops, die Impulse für die Bandarbeit setzen wollen, sind kurzweilig, praxisorientiert und sehr vielseitig. Er stellt sich auf alle Altersgruppen und individuelle Voraussetzungen ein. Sein Musizierkonzept setzt keine musikalischen Kenntnisse voraus und spricht somit alle Schülerinnen und Schüler an.

„Freude am musikalischen Tun und an Bewegung sind die wichtigsten Gelingensfaktoren. Damit kann man auch in sehr heterogenen Gruppen mit geringem Leistungsniveau erfolgreich musizieren.“ Christian Schatka-Reith verkörperte diese Musizierfreude und Bewegungslust von der ersten Minute an. Er mobilisierte uns mit seiner lockeren, durch Gesten und Bewegungen angereicherten Sprache auch in frühen Morgen- oder späten Abendstunden. Beim rhythmischen Sprechen und Bewegen hatten wir alle – unabhängig davon, ob die Umsetzung gelang oder nicht – großen Spaß.

Christian Schatka-Reith stellte Lieder sowie gängige Songs vor und zeigte auf, wie man Vorgaben wie Text, Arrangement, Notation, Instrumentation u. a. kreativ den jeweiligen Gegebenheiten anpassen kann. Wir bekamen Hinweise zu verschiedenen Spielweisen von Instrumenten und Anregungen zur Umsetzung in verschiedenen Leistungsstufen. Und natürlich probierten wir ganz viel aus. Im Laufe der Workshops ergaben sich unzählige Fragen rund ums Thema „Bandarbeit mit Kindern und Jugendlichen“:

  • Welche Instrumente benötige ich? Was kann ich ersatzweise auch verwenden?
  • Wie baue ich die nötige Technik auf und ab?
  • Wie stimme ich die Instrumente?
  • Worauf sollte im sozialen Miteinander der Band besonderer Wert gelegt werden?
  • Wie kann man die Vorstellung der Bandmitglieder zu einem Teil der Show werden lassen?

Christian Schatka-Reith gab uns Tipps zum Equipment, zur Bandorganisation und zur Performance. Was wir uns aktiv erarbeiteten, untermauerte er zusätzlich mit Geschichten und Videos aus seiner Arbeit und mit kurzen Vorträgen zu Methodik, Didaktik und Musik­theorie.

Unser Referent brachte viel Erfahrung mit inklusivem Musizieren mit, hatte jedoch bisher noch nicht mit visuell eingeschränkten Personen gearbeitet. Interessiert und empathisch nahm er die neuen Impulse auf und überlegte mit uns zusammen, wie sich bestimmte Situationen und Anforderungen an unsere Bedürfnisse anpassen lassen.

  • Welche Möglichkeiten gibt es, Auf- und Abgänge interessant und stolperfrei zu gestalten?
  • Wie erreicht man eine wirksame, ansprechende Bühnenpräsenz?
  • Was ist, wenn die Musiker das Dirigat des Leiters nicht sehen können?
Eine Gruppe von Menschen steht und sitzt um einen jungen Mann herum, der in der Mitte des Raumes kniet und mit dem Finger auf einem iPad Bewegungen ausführt. Im Raum befinden sich u.a. mehrere Tasteninstrumente und Lautsprecher.

Abbildung 2: Der Referent führt Möglichkeiten des Musizierens mit dem iPad vor

Gemeinsam überlegten wir uns Lösungsmöglichkeiten für Probleme, die durch die Seheinschränkung oder andere Handicaps entstehen könnten. Wir fanden kreative Lösungen und fühlten uns einmal mehr gestärkt in unserer Professionalität bei der Arbeit mit sehbeeinträchtigten und blinden Menschen. Aus den Workshops von Christian Schatka-Reith nahmen wir viel Neues, eine Menge Musizierspaß und Vorfreude auf die Umsetzung im eigenen Arbeitsbereich mit.

In der „offenen Musikstunde“ am Mittwochabend wurden wieder erprobte Beiträge aus dem Unterricht vorgestellt und Erfahrungen geteilt. Das gemeinsame Musizieren wird immer von allen Teilnehmenden besonders gelobt. Was vielleicht wie eine „nette Freizeitbeschäftigung“ klingt, ist für Musiklehrende sehr wichtig, weil die Möglichkeit der Selbsterfahrung und des kollegialen Austausches im Schulalltag meist nicht gegeben ist.

Die Abschlussrunde am Freitag bot allen Teilnehmenden Gelegenheit zum Feedback. Das war durchgehend positiv. Unser sehr abwechslungsreiches Programm hat alle Erwartungen erfüllt.

Im Rückblick auf das Thema des Begrüßungstages herrschte Einigkeit darüber, dass Musik in den Schulen und besonders für Menschen mit visuellen Einschränkungen einen großen Stellenwert hat beziehungsweise haben sollte. Emotionale, authentische und engagierte Vermittlung ist oft der Schlüssel für eine offene Annahme unterschiedlicher Musikangebote durch die Lernenden. Darüber hinaus bedarf es aber des Fachwissens – nicht nur im musikalischen Bereich, sondern ganz besonders auch in Bezug auf den Förderschwerpunkt Sehen. Hier leistet die AG Musik des VBS wertvolle Arbeit und stellt Angebote zur Verfügung, die anderswo so nicht zu finden sind.

Unser Dank gilt dem Vorbereitungsteam, vor allem aber der AG-Leiterin Beate Hesse. Die fleißige und verantwortungsvolle Arbeit im Hintergrund verdient große Anerkennung!

Für die kommenden Tagungen wurden viele Wünsche geäußert, die zeigen, wie hoch der Bedarf an derartigen Fortbildungen ist. Deshalb freuen wir uns sehr auf unsere nächste Tagung. Vom 30.09. bis 03.10.2025 werden wir uns in der Musikakademie Hammelburg unter dem Thema „Musik ist Bewegung“ u. a. mit Körperwahrnehmung, inklusivem Tanz und der Verbalisierung von Bewegungen beschäftigen. Über den schulischen Kontext hinaus sind die Bewegung zur Musik, aber auch das Körperbewusstsein und der soziale Kontakt in Gruppen sehr wichtig. Mit Frau Cara Rother, Hannover, konnten wir eine Referentin gewinnen, die viel Erfahrung mit inklusiven Projekten und der Arbeit mit Sehbehinderten und Blinden mitbringt.

Mareike Steinhöfel

Diesterwegschule Weimar

Staatliches überregionales Förderzentrum Sehen

Bonhoefferstraße 26
99427 Weimar