Pädagogik-Pflege-Medizin-Therapie:
Ein multiprofessionelles Zusammenspiel oder
„A Recipe For Disaster?“
Tagungsbericht der VBS AG „Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen“
Am 17. und 18. Januar 2025 gab es wieder eine Tagung der AG vor Ort. Etwa 60 Teilnehmende machten sich auf zur Blindeninstitutsstiftung ins schöne Regensburg. Die meisten Interessierten kamen aus dem süddeutschen Raum, die am weitest Entfernten reisten aus Bremen an.
Vor der Eröffnung nutzten viele bereits das Angebot, die eindrucksvollen Gebäude der Blindeninstitutsstiftung Regensburg bei Hausführungen kennenzulernen.
Nach Begrüßung und Eröffnung der Tagung durch Stephan Hußlein, den Leiter des Blindeninstituts Regensburg, sowie durch Thomas Loscher (Johann-Peter-Schäfer-Schule Friedberg) und Britta Büchau (Regensburg) aus dem Vorstand der VBS AG, gab es zur Einstimmung ins Thema vom Vorstand der AG ein Rollenspiel. An einem runden Tisch diskutierten sie als Lehrerinnen, Physiotherapeutin, Erzieher aus dem Wohnbereich und Palliativ-Care-Kraft über die passenden Maßnahmen für einen (fiktiven) Jugendlichen mit komplexen Beeinträchtigungen, der nach einem längeren Krankenhausaufenthalt in Gesundheit, Kommunikation und Verhalten derart beeinträchtigt war, dass eine Beschulung wie vor der Krankheitsphase nicht mehr funktionierte.

Abbildung 1: Teilnehmende arbeiten an einem Plakat
Jede Profession stellte ihren Blickwinkel in den Fokus, alle hatten ihre Berechtigung. Es dauerte etwas, bis sich alle aufeinander einlassen konnten, die Perspektive der anderen Professionen aufnahmen und schlussendlich ein gutes Bündel an Maßnahmen herausarbeiten konnten, um dem Schüler passende Angebote zu machen und zu mehr Lebensqualität zu verhelfen.
Auch im echten Arbeitsalltag der Teilnehmenden mit Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen gibt es vielerlei Herausforderungen. Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Berufsgruppen hakt und hängt immer wieder. Dies wurde deutlich, als sich die Teilnehmenden in gemischten Kleingruppen zu Fragen austauschten wie: „Was führt dazu, dass die Zusammenarbeit schwierig ist?“ oder „Welche Faktoren helfen, dass ein gutes Zusammenspiel gelingt? Welche Erfahrungen hast du gemacht?“ Es entstand ein reger Austausch in den Gruppen und auf Plakaten wurden viele Stichworte dazu festgehalten. Nach Zusammenführung der wichtigsten Gelingensfaktoren im Plenum stellten die Workshopleiterinnen ihre Workshops für den kommenden Tag vor. Anschließend konnten sich alle bei einem bayerischen Abendessen mit Brezeln, Obazda, kalten Platten und vielfältigen Salaten stärken und ungezwungen miteinander ins Gespräch kommen.
Ab 19 Uhr begann der „Marktplatz“: Mitarbeitende des Blindeninstituts Regensburg sind extra dafür am Abend noch einmal gekommen und hatten Stände mit Informationen und Möglichkeiten zur Selbsterfahrung zu Inhalten ihrer Arbeit aufgebaut. Auch wenn es draußen längst dunkel war, konnten die Teilnehmenden durch stimmungsvolle Beleuchtung den Weg zu den verschiedenen Infoständen gut finden und sich über Therapiemöglichkeiten, Seelsorge, Palliativarbeit, den Arbeitskreis Schmerz und den Fachdienst Sehen umfangreich informieren. An den Tischen der Logopädie und der Ergotherapie gab es zudem vielfältige Selbsterfahrungsmöglichkeiten, wodurch man gut ins Gespräch kommen konnte, ebenso wie im Anschluss im Tagungssaal in geselliger Runde.

Abbildung 2: Teilnehmende beim Markt der Möglichkeiten
Am folgenden Tag fanden morgens zuerst einmal die Vorstandswahlen statt. Thomas Loscher (Friedberg) und Britta Büchau (Regensburg) wurden in den leitenden Vorstand der AG gewählt und werden die Geschicke der AG zukünftig leiten.
Anschließend hielt Frau Dr. Helga Schlichting von der Universität Leipzig einen Vortrag zum Thema „Schmerzen bei Menschen mit komplexer Behinderung – eine Herausforderung für die Heilpädagogik“. In eindrucksvoller Weise erinnerte sie daran, dass Menschen mit komplexer Behinderung oft ein erhöhtes Risiko haben, von Schmerz betroffen zu sein und aufgrund von Kommunikationsbeeinträchtigungen auf ein Umfeld angewiesen sind, das ihre Schmerzäußerungen auch als solche erkennt, diese ernst nimmt und professionelle Hilfemöglichkeiten einleitet.
Sie stellte Beispiele von Schmerzbeobachtungsbögen vor und zeigte Möglichkeiten zur Schmerzreduktion im Alltag auf, um die Lebensqualität von Menschen mit komplexer Behinderung zu verbessern.
Vor und nach dem Mittagessen konnten die Teilnehmenden in sieben angebotenen Workshops zwei Themen ihrer Wahl vertiefen.
Der Workshop „Epilepsie im pädagogischen Alltag“ von Claudia Lieblich vom Epilepsiezentrum Regensburg gab einen Überblick über diese Erkrankung. Ein besonderes Augenmerk galt den verschiedenen Anfallsformen und der Ersten Hilfe, um den Teilnehmenden noch mehr Sicherheit im Umgang mit epileptischen Anfällen zu geben. Besonders viele Fragen und hilfreiche Antworten gab es zum Thema Sport- und Schwimmunterricht bei aktiver Epilepsie.
Im Workshop „Pflege macht Schule“ thematisierte Claudia Omonsky, Seminarrektorin für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung Oberpfalz, die besondere Bedeutung einer qualitativ hochwertigen und würdevollen Pflege. Sie stellte die sehr praxisnahe Veröffentlichung „Pflege macht Schule – Handreichung zur bildungsorientierten Pflege“ vor und zeigte auf, wie schulische Pflegefelder mit bedeutsamen Bildungsaspekten gekoppelt werden können.
„Sehangebote für Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen“ war der Titel des Workshops, der von Birgitt Stemmer (Blindeninstitut Regensburg) angeboten wurde. Hier erfuhren die Teilnehmenden nicht nur etwas über die diversen Gelingensfaktoren von Sehförderung (z. B. durch die reizfreie Gestaltung des Raumes), sondern konnten auch verschiedene Materialien kennenlernen und testen, die in der Sehförderung eingesetzt werden können.
Über die sinnvolle Integration von Hilfsmitteln ging es im Workshop „Hilfsmittel: Hilfe oder Belastung…“. Anja Hanusch und Julia Mitlehner (Blindeninstitut Regensburg) erklärten die Indikatoren für Verordnungen von Hilfsmitteln und stellten verschiedene sinnvolle Hilfsmittel und deren Integrationsmöglichkeiten in den Alltag vor.
Christina Neiß vom Kinderpalliativteam Ostbayern gewährte im Workshop „Palliative Care – Zusammenarbeit zwischen Wohngruppe-Schule-HPT und Palliativteam“ interessante Einblicke in den Alltag eines Kinderpalliativteams. Praxisbeispiele zeigten die Zusammenarbeit zwischen Wohngruppe, Schule, heilpädagogischer Tagesstätte und Palliativteam. Im Austausch mit den pädagogischen Fachkräften gibt das Team Unterstützung und Sicherheit in der pflegerischen Versorgung.
Im Workshop „Enterale Ernährung – Bedarfe von Klientinnen und Klienten mit Ernährungssonde“ von Silke Raith (Blindeninstitut Regensburg) ging es darum, welche Komponenten ineinandergreifen, damit Ernährung dazu beiträgt, gesund zu erhalten, Gesundheit zu fördern und Gesundheit wiederzuerlangen. Anhand von Fallbeispielen wurde die interdisziplinäre Zusammenarbeit erörtert.
Um Kontakt- und Kommunikationsmöglichkeiten sowie individuelle Ausdrucksformen ging es im Workshop „Musikbasierte Kommunikation“ von Sylke Spielbauer (Blindeninstitut Regensburg). Die Teilnehmenden konnten die Einheit von Körper, Gefühlen und Musik erleben mit dem Ziel einer gemeinsamen Sprache auf musikalischer und körperlicher Ebene.
Die Tagung in Regensburg ging am Samstagnachmittag nach zwei intensiven Workshoprunden zu Ende. Allen Teilnehmenden wurde deutlich, wie essenziell das multiprofessionelle Zusammenspiel von Pädagogik, Pflege, Medizin und Therapie für eine ganzheitliche Betreuung ist. Unterschiedliche Fachperspektiven können sich gegenseitig bereichern – doch nur, wenn Kommunikation, interdisziplinäres Verständnis und klare Strukturen gewährleistet sind. Ob dieses Zusammenspiel ein Erfolgsrezept oder eine potenzielle Herausforderung darstellt, hängt letztlich davon ab, wie gut Kooperation und Austausch gelingen. Die Tagung hat gezeigt: Mit der richtigen Haltung und gemeinsamen Zielen kann aus „A Recipe For Disaster“ ein gelungenes Rezept für eine bessere Versorgung werden.
Die AG freut sich sehr, dass die Tagung Inhalt der Ausgabe 04/2026 der Fachzeitschrift Lernen konkret sein wird, sodass das Thema so noch einmal weiterverbreitet werden kann.
Die nächste Tagung der AG wird 2026 stattfinden. Voraussichtlicher Tagungsort ist die Betty-Hirsch-Schule in Stuttgart. Vorab ist ein Online-Treff im Herbst/Winter 2025 geplant. Genauere Informationen folgen.

Juliane Engelhardt
Landesschule für Blinde und Sehbehinderte
