In Gedenken an Willi Düe

Abbildung 1: Willi Düe bei der Tagung der Einrichtungsleitungen in Damp (2009)
Am 3. März 2025 verstarb in Schleswig unser langjähriger und verdienter Kollege Willi Düe knapp zwei Wochen vor dem Erreichen seines 81. Geburtstages.
Kurz nach der Gründung der damaligen Staatlichen Schule für Sehbehinderte (SfS) in Schleswig im Jahre 1983 war Willi Düe ab 1984 an der Konzeption des von der Bundesrepublik geförderten Modellversuches Übergang Schule – Beruf beteiligt, der von 1986 bis 1990 durchgeführt wurde. 1987 wurde Willi Düe als wissenschaftlicher Mitarbeiter dieses Modellversuches offiziell Kollege an der SfS. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Modellversuches wurde dieser Bereich des Übergangs von der Schule in das Berufsleben ein weiterer grundlegender Bestandteil des Bildungsauftrags der SfS und Willi Düe blieb unser Kollege bis zu seiner Pensionierung im Sommer 2009.
Wie nur wenige andere prägte Willi Düe unsere Arbeit, nicht nur im Bereich der Gestaltung des Übergangs von schulischer und beruflicher Teilhabe. Er mischte sich ein, er dachte vor, er analysierte und „ging in die Auseinandersetzung“, wie er es selbst gerne formulierte. Seine Arbeit und seine Sichtweisen prägten unsere Strukturen und unsere Herangehensweise. Sie formten das heutige Landesförderzentrum Sehen, Schleswig (LFS) weit über seinen Arbeitsbereich hinaus.
Als Studienleiter prägte Willi Düe viele nachwachsende Kolleginnen und Kollegen, die in Schleswig-Holstein ihr Referendariat ableisteten. Etliche von ihnen blieben im Norden und arbeiten zum Großteil noch heute am LFS, einige wechselten in andere Bundesländer, weil wir nicht allen ein Vertragsangebot unterbreiten konnten. Willi Düe hinterließ so Spuren weit über Schleswig-Holstein hinaus.
Jahrzehntelang und auch noch einige Zeit über seinen Eintritt in den Ruhestand hinaus wirkte Willi Düe zudem an der Universität Hamburg – erst in Zusammenarbeit mit Professorin Dr. Waltraud Rath, dann mit ihrem Nachfolger Professor Dr. Sven Degenhardt. Generationen Hamburger Studentinnen und Studenten hat er sein Wissen im Bereich des Förderschwerpunktes Sehen so weitergegeben und auf diese Weise auch hier Spuren hinterlassen.
An der Diskussion um den Lehrplan Sonderpädagogische Förderung, der in Schleswig-Holstein in Umsetzung der Empfehlungen der KMK zum Förderschwerpunkt Sehen entstanden ist und bis heute noch keinen Nachfolger gefunden hat, hat sich Willi Düe intensiv und konstruktiv beteiligt. Hätte er es bestimmen können, trüge dieser Lehrplan sicherlich einen anderen Namen, denn die kritische Auseinandersetzung mit dem Förderbegriff war Willi Düe wichtig. Aber die Fähigkeit, Kompromisse einzugehen, war für den Demokraten Willi Düe selbstverständlich und das dabei Erreichte kann sich bis heute sehen lassen: In diesem Lehrplan finden sich die Inhalte des dualen oder erweiterten Curriculums wieder. In welchem anderen Bundesland ist dies gelungen? Als berufenes Mitglied der Lehrplankommission hat Willi Düe zudem insbesondere das Lehrplankapitel „Entwicklungsbereich personale und soziale Identität“ über alle Fachrichtungen hinweg geprägt und mitverantwortet.
Willi Dües Wirken hinterließ Spuren weit über das LFS hinaus, aber intensiv auch gerade hier: in unserer alltäglichen Arbeit.
Willis Ausführungen zu folgen, war nicht immer leicht. Er verwendete gerne Satzkonstruktionen – Satzkonstruktionen, die komplizierter wurden, kompliziert im Sinne von Verschachtelungen, verschachtelt, weil sie ihrerseits unterschiedliche Aspekte deutlich machten, Aspekte, die in der Sache durchaus konträr ausfielen, gegebenenfalls so konträr, dass man in die Auseinandersetzung gehen muss, eine Auseinandersetzung mit dem Ziel der Klärung, einer Klärung im Hinblick auf Zukunftsorientierung …
Manche Kollegin und mancher Kollege waren durchaus mehr als gefordert, seinen Gedanken zu folgen, andere – zu ihnen zählt sich auch der Unterzeichnende – waren irgendwann an dem Punkt, hauptsächlich – und fasziniert – darauf zu achten, ob und wie er seine voluminösen Sätze jemals korrekt zu Ende formulieren würde. Aber das gelang ihm immer. Ohne Stocken und ohne jegliches „äh“.
Im direkten Gespräch mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen konnte man einen anderen Willi Düe kennenlernen. Hier konnte er umschalten, auf Augenhöhe agieren und mit den jungen Menschen oder ihren Eltern klar, einfach und einfühlsam kommunizieren. So gab er Denkanstöße, die sie verstanden und zu denen sie mit ihm zu diskutieren begannen. Auch das war Willi Düe und auch so hinterließ er Spuren.
Noch nach seiner Pensionierung hielt er den Kontakt zum LFS, schaute gelegentlich im dortigen Büro vorbei, beteuerte, nicht stören zu wollen, und diskutierte ein wenig über aktuelle Entwicklungen in der Gesellschafts- oder Bildungspolitik. Bei einem der letzten dieser Besuche sprach er von seinem Entsetzen angesichts des „um sich greifenden Bellizismus“ in der Weltpolitik.
Willi und mich verband über die Arbeit hinaus eine große Liebe zu Skandinavien. Sein Sehnsuchtsort war Norwegen. Ihm eine Postkarte von jeder Urlaubsreise nach Skandinavien zu schicken, war mir wichtig. Leider kann ich diese Tradition nun nicht mehr fortsetzen. Aber in jedem Urlaub, der mich nach Schweden oder Norwegen führen wird, werde ich an Willi Düe denken – so wie bisher auch.
Willi Düe hat tiefe Spuren hinterlassen, er hat uns alle am LFS mitgeprägt: beruflich, kollegial, menschlich und persönlich. Herzlichen Dank dafür!
Klaus Wißmann
Leiter des Landesförderzentrums Sehen, Schleswig