Maren Balschat, Marie-Luise Schütt

News von der internationalen Konferenz der AER (Association for Education and Rehabilitation for the Blind and Visually Impaired)

Maren Balschat, Marie-Luise Schütt

In Charlotte (North Carolina, USA) fand vom 24. bis 28.07.2024 die internationale Konferenz des amerikanischen Blinden- und Sehbehindertenverbands statt. Auf der Konferenz der AER, die alle zwei Jahre veranstaltet wird, bot sich die Gelegenheit, mit Fachleuten (u. a. Blinden- und Sehbehindertenpädagoginnen bzw. -pädagogen, Vertreterinnen und Vertretern der Hochschulen und Universitäten, Rehabilitationsfachkräften aus dem Bereich Orientierung und Mobilität) zum intensiven Austausch über aktuelle Themen.

Das Foto zeigt Dr. Marie-Luise Schütt (links) und Maren Balschat (rechts) mit ihrem Konferenz-Badge um den Hals. Sie stehen vor dem Banner der AER-Konferenz und lächeln in die Kamera.

Abbildung 1: Die Autorinnen auf der Konferenz

Sowohl die Universität Hamburg (Dr. Marie-Luise Schütt) als auch das Landesförderzentrum Sehen, Schleswig (Maren Balschat), waren erstmals aktiv dabei. In einem gemeinsamen Workshop („Exploring Tactile Skill Development Through Play: A Cross-Cultural Comparison of Toys and Games in Asia, Europe and North America“) mit Vertreterinnen und Vertretern aus Japan (Prof. Dr. Miyauchi, University of Tsukuba), USA (Prof. Dr. Herzberg, Upstate University of South Carolina) und Indien (Prof. Dr. Robinson Thamburaj, Madras Christian College) wurde dargestellt, welche Spielzeuge (oder auch tägliche Anregungen aus dem familiären Umfeld) Personen mit Blindheit in ihrer Kindheit genutzt haben, die heute erfolgreich in naturwissenschaftlichen Berufen tätig sind bzw. bei welchen ein starkes naturwissenschaftliches Interesse vorhanden ist.

Neben diesem Beitrag bot sich Gelegenheit zur Vernetzung mit Teilnehmenden sowie Ausstellerinnen und Ausstellern sowie der Einblick in interessante Themenstellungen, die hier geteilt werden. Dabei handelt es sich um die subjektive Einschätzung der Autorinnen.

Impuls I: Soziale Medien und KI (ChatGPT) lassen sich noch gezielter in der Blinden- und Sehbehinderten­pädagogik einsetzen!

Im Workshop „Digital Harmony: Creating a United Chorus Using Social Media and AI for Families“ mit Kolleginnen und Kollegen aus den USA (Melissa Matthews, Content Manager American Printing House) und Kanada (Adam Wilton, Braille Literacy Canada/Provincial Resource Centre for the Visually) wurde die Bedeutung von sozialen Netzwerken sowie künstlicher Intelligenz für Familien (aber auch Expertinnen und Experten) herausgestellt. Um Familien (und auch interessierte Expertinnen und Experten) möglichst frühzeitig zu unterstützen, sind kurzweilige Videos (Braille Bites) entstanden, die vielfältige Anregungen für den Alltag mit Kindern und Jugendlichen mit Blindheit und Beeinträchtigung des Sehens geben (wie z. B. Mapping the School Playground, Prepping for a Picnic, Scissors and Crafts). Ergänzend stellte Matthews einen ChatGPT-Prompt vor, in welchen blinden- und sehbehindertenpädagogisches Informationsmaterial eingepflegt ist, sodass Anregungen zum alltäglichen Spiel für Kinder und Jugendliche ausgegeben werden.

Impuls II: Expanded Core Curriculum und Self-Advocacy bei den Schülerinnen und Schülern zu entfachen!

Natürlich war auch das Expanded Core Curriculum (ECC) wiederkehrend Thema. Schließlich ist die USA das Geburtsland des spezifischen Curriculums. Robbin Clark (Utah School for the Deaf and Blind), die sich intensiv mit der Umsetzung des ECC auseinandersetzt, war besonders prominent. Einzelne Teilnehmende haben sogar ein Foto mit ihr gemacht! Auf den Internetseiten der Utah School stellt Robbin Clark verschiedene Dokumente (Listen) zusammen, in denen einzelne Inhaltsbereiche (z. B. Nutzung von assistiven Technologien) in kurz- und langfristige Lernziele zerlegt werden. Hieraus lassen sich Anregungen entnehmen, wie der Kompetenzerwerb bei den Lernenden zu unterstützen ist. Was jedoch in allen Workshops zum ECC zu hören war: der Appell an die Schülerinnen und Schüler selbst! Die Schülerinnen und Schüler sollen ihren Bedarf (z. B. ein barrierefrei umgesetztes Arbeitsblatt) immer wieder bei den Regelschullehrkräften einfordern und bekräftigen, dass dies ihr Recht ist und für bestmögliche Bildungsteilhabe essentiell ist (Self-Advocacy).

Impuls III: Anderer Kontinent, gleiche Zukunftssorgen!

Auch die amerikanischen Kolleginnen und Kollegen plagt sowohl in der Pädagogik bei Beeinträchtigung des Sehens als auch im Bereich O&M ein Fachkräftemangel. Ebenso wie in Deutschland versucht man, junge Menschen zu aktivieren, sich dem Beruf der Pädagogik bei Beeinträchtigung des Sehens und Blindheit sowie O&M anzuschließen. Ein möglicher Lösungsansatz, der von den amerikanischen Kolleginnen und Kollegen umgesetzt wird, ist die Nutzung von Social-Media-Profilen. Insbesondere Lehrkräfte der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik berichten von ihren Erfahrungen, Unterrichtsideen und Überlegungen aus dem Schulalltag. Aktuell wurde ein Imagefilm auf der Abschlussveranstaltung der Konferenz vorgestellt, der junge Menschen ermutigen soll, die Berufswahl im Bereich der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik vorzunehmen.

Impuls IV: Mitmachen ist super und macht jede Menge Spaß!

Die Teilnahme an der AER-Konferenz 2024 war hochspannend und der Weg in die USA hat sich gelohnt. Auch im kommenden Jahr finden interessante Kongresse im europäischen und internationalen Raum statt, die für den fachlichen Dialog zu nutzen sind.

  • Tactile Reading Conference 2025 vom 02. bis 04.06.2025 in Amsterdam (NL) (mit einer Keynote von Prof. Dr. Markus Lang, „The future of Braille. Research findings and challenges for teaching practice“)
  • 10th ICEVI European Conference vom 15. bis 17.05.2025 in Padua (IT)
  • AER 2026 vom 29.07. bis 02.08.2026 in Louisville/KY (USA)

Im Rahmen der AER-Tagung wurde auch eine neue Zeitschrift vorgestellt, die gegebenenfalls auch für Publikationen aus dem Wissenschaftsbereich von Interesse ist (RE:view. A journal of Practice).

Impuls V: Kulinarisch sind wir besser!

Einzig etwas enttäuschend war die gastronomische Versorgung auf der AER-Tagung. Mit Hilfe von Foodtrucks, die mit Generatoren betrieben wurden, erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der AER-Tagung täglich ihr Mittagessen in Styroporverpackungen. Nicht nur das Zusammenkommen zu einem gemeinsamen Austausch beim Mittagessen blieb so aus, sondern auch die Nachhaltigkeit war so nicht gegeben. Das gelingt in Würzburg 2028 bestimmt besser!

Wenn Sie an einem weiteren Austausch zur AER-Konferenz interessiert sind, nehmen Sie gerne Kontakt zu uns auf!

Portrait: Maren Balschat

Maren Balschat

Landesförderzentrum Sehen, Schleswig

maren.balschat@schule-sh.de

Portrait: Marie-Luise Schütt

Marie-Luise Schütt

Universität Hamburg

marie-luise.schuett@uni-hamburg.de

ORCID: 0000-0001-6972-2157