Einblicke ins japanische Schulsystem für blinde und taubblinde Menschen

Abbildung 1: Gruppenfoto mit Studierenden und Professorinnen und Professor der Universität von Tsukuba
Im Februar 2024 waren 3 Vertreterinnen der Nikolauspflege an die Universität von Tsukuba und weiteren Schulen für Blinde und Sehbehinderte in Japan eingeladen, um über inklusive Bildungsangebote in Deutschland zu berichten und die Konzepte der Nikolauspflege vorzustellen. Dort trafen sie sich mit Kolleginnen und Kollegen aus Großbritannien und den USA sowie den Gastgebern aus Japan zu einem internationalen Austausch.
Ziel des Netzwerktreffens war ein länderübergreifender Austausch zur Gestaltung von Schule und Berufseinstieg für Menschen mit Sehbeeinträchtigung. Die Vertreterinnen der Nikolauspflege konnten im Rahmen mehrerer Vorträge die Konzepte zum Sonderpädagogischen Dienst sowie zum Betty-Hirsch-Schulzentrum vorstellen sowie über das Thema Personalentwicklung sprechen. Insbesondere die umfassende und strukturierte Arbeit des Sonderpädagogischen Dienstes sowie das inklusive Konzept des Betty-Hirsch-Schulzentrums haben alle Beteiligten tief beeindruckt, und es wurden sehr viele Rückfragen gestellt, und das Interesse an diesen Konzepten war sehr hoch. Gleichzeitig erhielten sie einen tiefen Einblick in die Arbeit der nationalen Schule für Blinde in Tokio, einer Schule in Yokohama mit dem Schwerpunkt Taubblindheit sowie der ältesten Blindenschule Japans in Kyoto. Alle Schulen zeichnen sich durch eine hohe Fachlichkeit aus und sind mit viel barrierefreiem Material ausgestattet. Jede Schule hat eine große Bibliothek, und es wird noch sehr viel mit taktilen Materialien gearbeitet. Auch haben sie berufliche Angebote für Menschen mit Sehbeeinträchtigung in Japan kennengelernt. Dort gibt es ein spezialisiertes Ausbildungssystem in den Bereichen Massage, Akupressur und Moxibustion. Diese Berufe haben eine lange Tradition in Japan. Spezialisierte Schulen bieten eine mehrjährige Ausbildung an, die theoretische und praktische Inhalte wie Anatomie und Therapieformen abdeckt. Nach der Ausbildung müssen die Absolventen eine staatliche Prüfung bestehen, um als Therapeuten arbeiten zu dürfen. Sie finden danach Anstellungen in Kliniken, Praxen oder arbeiten selbstständig.
Die nationale Schule für Blinde in Tokio ist direkt an die Universität in Tsukuba angegliedert. Die Universität und die Schule arbeiten sehr eng zusammen. Anne Reichmann, Frederike Isenberg und Sabrina Betz waren einen Vormittag in die Universität von Tsukuba eingeladen. Hier wurden sie von den Professorinnen und Professoren der Fachrichtung Sehen begrüßt und in ihre jeweiligen Forschungsprojekte eingeführt. Einen tieferen Einblick erhielten sie im Bereich der frühkindlichen naturwissenschaftlichen/mathematischen Bildung für Kinder mit Sehbeeinträchtigung. Auch die Studentinnen und Studenten der Professorinnen und Professoren durften sich und ihre eigenen Studien vorstellen, bevor die internationalen Gäste ihre Vorträge anschlossen. Anschließend wurde die angegliederte nationale Schule für Blinde mit Internat in Tokio-Tsukuba besichtigt.
Die Schule für Blinde in Yokohama ist eine der wenigen christlichen Einrichtungen und auf Schülerinnen und Schüler mit Blindheit und komplexen Beeinträchtigungen sowie Taubblindheit spezialisiert. Hier wurde ebenfalls eine Führung durch das Schulhaus und einzelne Klassen angeboten sowie eine sehr ausführliche Vorstellung der Schulkonzeption und der Umsetzung von Teilhabe von Schülerinnen und Schülern mit Taubblindheit. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Yokohama beeindruckten durch ihre sehr kompetente, individuelle und herzliche Herangehensweise an die Thematik der komplexen Beeinträchtigungen, die liebevolle Gestaltung der Schule und Klassenräume sowie die hohe Fachlichkeit in Bezug auf Taubblindheit. Das Thema funktionale Diagnostik als Grundlage jeglicher Intervention war ein Thema, das alle Anwesenden sehr beschäftigte. In der ältesten Blindenschule in Kyoto wurden alle ebenfalls herzlich empfangen. Hier lag der Fokus, neben der Schulführung, auf einem intensiven fachlichen Austausch gemeinsam mit dem Leitungsteam der Schule.

Abbildung 2: Taktiles Material im Bereich mathematische Vorläuferfähigkeiten an der Universität von Tsukuba
Es zeigte sich, dass auch in Japan das Thema Inklusion im Fokus ist und an tragfähigen Konzepten gearbeitet wird. Zurückgehende Geburtenraten in Japan führen auch zu einer Verkleinerung der Schülerzahlen insgesamt. Gleichzeitig steigt der Wunsch nach wohnortnahen Beschulungsmöglichkeiten. Dies hat zur Folge, dass z. B. die Schule für Blinde in Kyoto vor 10 Jahren noch circa 200 Schülerinnen und Schüler hatte, heute noch von 30 Kindern und Jugendlichen besucht wird.
Zwei unterschiedliche Unterstützungssysteme gibt es derzeit.
Zum einen den sogenannten „Ressource Room“ (Unterstützungsklasse) an allgemeinen Schulen. Kinder mit Sehbeeinträchtigung werden in eine Regelschule eingeschult. Sie kommen dann mit anderen Schülerinnen und Schülern mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung (aller Förderschwerpunkte) aus verschiedenen, sich im Umkreis befindenden allgemeinen Schulen ein- oder zweimal pro Woche zum zuständigen Ressource Room und werden dort spezifisch unterstützt. Diese Form der Unterstützung ist nur geeignet für Schülerinnen und Schüler mit geringerem Bedarf im Bereich Sehen.
Die andere Möglichkeit ist, die sogenannte „Special class“ (Spezialklasse) an der allgemeinen Schule zu installieren, in der Schülerinnen und Schüler mit einer Sehbeeinträchtigung spezifisch unterstützt werden und gleichzeitig am Unterricht der allgemeinen Schule teilnehmen können. Hier arbeiten dann auch speziell geschulte Lehrkräfte.

Abbildung 3: Gruppenfoto der internationalen Reisegruppe mit den japanischen Gastgebern
An der Schule für Blinde in Kyoto wurde ein Klassenzimmer hergerichtet, in das an mehreren Samstagen im Schuljahr Schülerinnen und Schüler mit Sehbeeinträchtigung kommen, die an allgemeinen Schulen beschult sind und dort spezifisch gefördert werden.
Ein besonderer Dank geht an Dr. Hisae Miyauchi, die das umfassende Programm sowie den intensiven Austausch organisiert hat und perfekt alle Übersetzungen aus dem Japanischen ins Englische und umgekehrt übernehmen konnte.
Nach diesem austauschreichen Besuch in Japan hatte die Nikolauspflege nun die Gelegenheit, eine internationale Forschungsgruppe aus Japan (Dr. Hisae Miyauchi, Associate Professor, University of Tsukuba, Kozue Handa, Research assistant at University of Tsukuba, Dr. Mayu Mori, Assistant Professor, Hiroshima University, Ms. Erika Matsuda, Assistant Professor, Tsukuba Technical University, Associate Professor Mayumi Aoyagi, Aichi Education University), den USA (Dr. Tina Herzberg, Professor, University of South Carolina Upstate) und England (Dr. Paul Lynch, Associate Professor, University of Glasgow UK) zu empfangen.
Ziel des Besuchs war es, das Bildungssystem für Schülerinnen und Schüler mit Sehbeeinträchtigung in Deutschland kennenzulernen und Einblicke in die Unterrichtsmethoden und -materialien zu gewinnen, die speziell in der Ausbildung von Schülerinnen und Schülern mit Sehbeeinträchtigung, insbesondere in den Bereichen Mathematik und Geometrie, zum Einsatz kommen.
Das Hauptziel des Austauschs lag darin, die methodischen Ansätze im Bereich Mathematik und Geometrie zu verstehen, die von Lehrerinnen und Lehrern auf verschiedenen Bildungsstufen – von der Vorschule bis zur Sekundarstufe I und im sonderpädagogischen Dienst – verwendet werden. Die Forschungsgruppe konnte wertvolle Einblicke in die didaktischen Konzepte gewinnen, die an der Nikolauspflege eingesetzt werden, um sehbeeinträchtigten Schülern den Zugang zu Mathematik und Geometrie zu erleichtern. Unter anderem wurde auch die Schlossschule Ilvesheim besucht.
Ein Schwerpunkt des Besuchs war die Hospitation im Mathematikunterricht in verschiedenen Klassenstufen, in der die Gruppe unterschiedliche Methoden zur Vermittlung mathematischer Konzepte beobachtete. Diese Hospitationen waren besonders aufschlussreich, da sie den Forschenden ermöglichten, den Einsatz taktiler und visueller Hilfsmittel im Unterricht direkt zu erleben.
Zusätzlich wurden Interviews mit Lehrkräften geführt, um die didaktischen Hintergründe und Erfahrungen der Lehrerinnen und Lehrer besser zu verstehen. Der Besuch deckte dabei ein breites Spektrum ab: vom Vorschulbereich NIKOlino (Kindergarten), über die Frühförderung bis hin zur Grund- und Hauptstufe des Betty-Hirsch-Schulzentrums sowie dem Bereich des sonderpädagogischen Dienstes (SOPÄDIE). Dadurch erhielten die Gäste einen umfassenden Überblick über die gesamte pädagogische Bandbreite und die verschiedenen Ansätze zur Unterstützung von Schülerinnen und Schülern mit einer Sehbeeinträchtigung.
Ein weiteres Highlight des Besuchs war die Teilnahme der Gruppe am Louis-Braille-Festival, das in Stuttgart stattfand. Die Forschenden nahmen an Workshops und Ausstellungen teil, die barrierefrei gestaltet waren. Viele Kontakte sind geknüpft worden und haben zu einem breiten Netzwerk beigetragen.
Dieser Besuch verdeutlichte die Bedeutung des internationalen Austauschs in der Sonderpädagogik. Die Möglichkeit, sich mit Experten und Expertinnen aus einem anderen Land auszutauschen, die in einem ähnlichen Bildungsumfeld arbeiten, eröffnete wertvolle neue Perspektiven. Es wurde deutlich, wie wichtig es ist, bewährte Praktiken und innovative Methoden über Ländergrenzen hinweg zu teilen, um das Bildungsangebot für sehbeeinträchtigte Schüler und Schülerinnen kontinuierlich zu verbessern.

Abbildung 4: Austausch zwischen Lehrerinnen aus Japan und des Betty-Hirsch-Schulzentrums der Nikolauspflege
