Schwimmunterricht am Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte (BZBS) in Hamburg
Schwimmunterricht mit blinden und sehbehinderten Kindern
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Schwimmvermittlung bei blinden und sehbehinderten Kindern ähnlich verläuft wie die bei Kindern ohne den Förderschwerpunkt Sehen. Auch die allgemeinen Voraussetzungen sind ähnlich: Die meisten Kinder haben große Freude daran, sich und ihren Körper im Element Wasser zu spüren. Das Wasser lädt zum Spielen, (Wasser-)Erfahrungen-Sammeln und zum Tauchen ein. Diese Faszination und Freude am Bewegen im Wasser sollten immer beibehalten werden. Daher hat neben dem engen Austausch mit dem Kind über sein Erleben und Empfinden im Wasser auch die genaue Beobachtung des Einzelnen eine besondere Wichtigkeit, denn jedes Kind ist anders – lernt anders und benötigt eine individuelle Ansprache.
Frühe Wassergewöhnung von Kindern mit Blindheit und Sehbehinderung
Bestenfalls kommen die Kinder in die Schule und sind von ihren Eltern bereits an Wasser und das Bewegen im Wasser gewöhnt worden. Bereits im Babyalter kann spielerisch damit begonnen werden, indem das Kind (von seinen Füßen beginnend aufwärts bis zum Kopf) an Wasser gewöhnt wird. Wenn das Kind älter ist, kann es mit Spielsachen und Gegenständen im Wasser hantieren und so nebenbei auch physikalische Eigenschaften von Materialien im Wasser beobachten und erproben. Auch das Kennenlernen von Schwimmbecken, in denen sich das Kind anders als in der Badewanne bewegen kann, kann im Kindergartenalter anfangen. Hier erlebt das Kind das erste Mal, wie es sich anfühlt, seinen Körper auf verschiedene Weise durchs Wasser zu bewegen und sich mit einer Auftriebshilfe durchs Wasser gleiten zu lassen.
An dieser Stelle würde ich den Eltern folgende Hinweise/Tipps geben, die wir auch bei der Wassergewöhnung mit einem blinden oder stark sehbehinderten Kind berücksichtigen:
- Besuch des Schwimmbads außerhalb der Kernschwimmzeiten. Leider ist der Geräuschpegel in Schwimmbädern sehr hoch, deshalb sollte man möglichst dann zum Schwimmen gehen, wenn es nicht ganz so voll ist, damit das Kind akustische Signale wie Zurufen oder Klatschen besser wahrnehmen kann. Hinzu kommt, dass Wasser in den Ohren das Hören zusätzlich erschweren kann.
- Taktile Erkundung des Schwimmbeckens durch das Kind: Abtasten und Abgehen des Beckenrandes, um ein inneres Bild von der Länge und Breite des Beckens und der Tiefe des Wassers zu erhalten. Wo sind die Orientierungspunkte wie eine Trennleine, ein Geländer, Stufen, eine Rutsche, die ins Becken führt?
- Wasser in den Augen verstärkt die Einschränkung der visuellen Orientierungsfähigkeit.
Trotz der im Wasser noch weiter eingeschränkten akustischen und optischen Wahrnehmung würde ich die Kinder nicht darin bestärken, den Kopf so zu halten, dass kein Wasser mehr in die Ohren gelangt. Das ist sinnlos, da es keinen Schwimmstil gibt, in dem kein Wasser ins Ohr gelangt. Ob man einem Kind die visuelle Wahrnehmung durch das Angebot einer Schwimmbrille verbessert, kann nur individuell entschieden werden. Einerseits macht dies Sinn und kann ihm den Einstieg ins Tauchen erleichtern, andererseits ist der Gewöhnungseffekt so groß, dass das spätere Weglassen der Brille große Schwierigkeiten bereiten kann. Sollte ein Kind versehentlich ins Wasser fallen, muss es auch ohne Schwimmbrille sicher schwimmen können. Darüber hinaus sind bei den Prüfungen für die Schwimmabzeichen keine Schwimmbrillen erlaubt. Ausgenommen davon sind die extra angefertigten medizinischen Schwimmbrillen.
Unterschiedliches Bewegungslernen
Grundsätzlich können wir beim Bewegungslernen unserer Schülerinnen und Schüler zwischen denjenigen unterscheiden, die Bewegungen als Ganzes wahrnehmen, und denjenigen, die eine Bewegung nur in Teilstücke zerlegt wahrnehmen können. Dies betrifft vor allem Menschen, die von Geburt an blind sind.
Grundsätzlich bietet sich beim Bewegungslernen von blinden und stark sehbehinderten Menschen die analytisch-synthetische Methode an, da hier eine Zergliederung in Einzelbewegungen vorgenommen wird. Auf diese Weise können sie die sensorischen Informationen optimal nutzen (Stoll 2006). Konkret bedeutet dies, dass die Gesamtbewegung in Teilbewegungen untergliedert wird. Für das Brustschwimmen bedeutet dies die separate Vermittlung des Armzugs, des Beinschlags und Übungsangebote zur richtigen Atmung.
Welche Hilfsmittel verwenden wir?
Nach unserer Erfahrung eignen sich für den Schwimmunterricht besonders gut die sogenannten Schwimmnudeln. Schwimmflügel setzen wir nicht ein, da sie eine falsche Lage für das Schwimmenlernen vermitteln und die Armbewegungen nur eingeschränkt durchgeführt werden können. Gelegentlich nutzen wir eine Schwimmlernweste, einen Schwimmgurt oder eine Haifisch-Badeflosse. Schwimmbretter setzen wir auch ein. Dies hängt davon ab, was wir bei dem Schüler oder der Schülerin durch die Verwendung des Hilfsmittels erreichen wollen.
Durch die Unterstützung von z. B. einer oder auch mehreren Schwimmnudeln soll das Durchs-Wasser-Gleiten erlebt und der Bewegungsfluss der Gesamtbewegung vermittelt werden. Gerade das Gleiten durchs Wasser stellt für einige Schülerinnen und Schüler eine große Herausforderung dar.
Wie vermitteln wir eine Bewegung?
Bei der Einführung einer neuen Bewegung für ein blindes oder stark sehbehindertes Kind arbeiten wir häufig mit einer Bewegungsführung. Wenn wir beispielsweise den Armzug des Brustschwimmens vermitteln wollen, stellen wir uns hinter das Kind und führen (nachdem wir sein Einverständnis dazu erhalten haben) seine Arme auf die korrekte Weise, so wie die Bewegung durchgeführt werden sollte. Dabei verbalisieren wir die verschiedenen Aspekte der Bewegung (Fingerhaltung, Fingerrichtung, Handhaltung, Beginn der Bewegung an der Brust, Armbewegung, Richtung, Geschwindigkeit der Bewegung usw.). Zunächst konzentrieren wir uns auf die wichtigsten Aspekte der Bewegung und verfeinern diese immer weiter. Ebenso helfen Beschreibungen der Lage des Körpers in Beziehung zum Raum („Augen in Richtung Decke – Po zur Wasseroberfläche!“) und auch der Körperteile zueinander („Arme sind gestreckt – neben den Oberschenkeln – dabei die Handflächen zu den Oberschenkeln gedreht!“) für die eigene Korrektur der Bewegung. Die Lernenden sollen auf diese Weise kinästhetische Informationen sammeln und verinnerlichen. Bei Kindern mit Sehvermögen werden auch Bilder verwendet („wie ein Baumstamm im Wasser liegen“, „keine Fahrradfahrbeine“), um zu einer richtigen Bewegung zu gelangen. Dies hilft auch Schülerinnen und Schülern, die erblindet sind und sich an früher visuell aufgenommene Bewegungs-/Objektbilder erinnern können.
Beim schwierigen Erlernen der Koordination von Teilbewegungen zu einem Bewegungsfluss hilft es sehr, schon einmal einen schwimmenden Menschen gesehen zu haben. Dies und auch die gesamte Bewegungsentwicklung, die bei einem blinden Kind, das einmal sehen konnte, anders verläuft als bei einem von Geburt an blinden Kind, führt dazu, dass es für geburtsblinde Menschen deutlich schwieriger ist, schwimmen zu lernen, als für Menschen, die erst im Laufe ihres Lebens erblindet sind.
Worauf achten wir bei der räumlichen Gestaltung vom Schwimmunterricht?
Zur besseren Orientierung für die Kinder führen wir den Unterricht im Schwimmbecken auf einer Außenbahn durch und trennen die Nachbarbahn mit einer Trennleine ab. Wir arbeiten mit akustischen Signalen (Klatschen, Rufen), um die Richtung, in die geschwommen werden soll, bzw. auch die Distanz zu verdeutlichen.
Wenn es die Möglichkeit gibt, eine Tür zwischen dem Nichtschwimmer- und dem Schwimmerbecken zu schließen, nutzen wir diese für eine bessere Akustik.
In einigen Schwimmbädern kann man für sehr blendempfindliche Schülerinnen und Schüler Vorhänge an den Glasfenstern schließen.
Ablauf einer Seepferdchen-Schwimmstunde
Die vom städtischen Betreiber der öffentlichen Schwimmbäder in Hamburg (Bäderland) vorgegebene Schwimmzeit beträgt 45 Minuten, dazu kommt die Umkleide- und Abduschzeit. Der Beginn einer Stunde ist in der Regel ein Spiel oder gemeinsame Aufwärmaufgaben im Wasser. Dadurch sollen die unterschiedlichen Muskelgruppen aktiviert werden, es soll als gemeinsame Aktion Freude machen und bereitet auf das anschließende Training vor. Im Anschluss bekommen die Schülerinnen und Schüler individuelle Bewegungsaufgaben. Die Schwimmlehrkraft hat die Aufgabe, alle Schülerinnen und Schüler im Blick zu haben, sie individuell zu beraten und ihnen immer wieder neue Aufgaben zu geben, sodass jede/jeder Lernende in einer Stunde an verschiedenen Schwimmbausteinen gearbeitet hat. Den Abschluss bildet immer eine fünfminütige Spielzeit.
Bausteine unseres Seepferdchen-Schwimmkurses
Unser Seepferdchen-Schwimmkurs besteht aus den im Folgenden aufgelisteten neun Bausteinen, die nicht in einer festgelegten Reihenfolge absolviert werden müssen, sondern abhängig von den Schwimmfertigkeiten und individuellen Voraussetzungen eines Schülers/einer Schülerin bearbeitet werden. Grundlegende Voraussetzung ist die bereits beschriebene Wassergewöhnung:
- Ausatmung ins Wasser
- Seestern auf dem Rücken zur Selbstrettung
- Rückenschwimmen mit den Kraulbeinen
- Armzug und Beinschlag beim Brustschwimmen
- Sich-Abstoßen vom Beckenrand und Gleiten durchs Wasser
- Schwimmlagewechsel (vom Rücken auf den Bauch und umgekehrt)
- Ertauchen eines Tauchrings aus schultertiefem Wasser
- Sprung vom Beckenrand ins tiefe Wasser und anschließendes sofortiges Losschwimmen
- Erste Baderegeln
Wenn der Schüler oder die Schülerin 25 Meter im Nichtschwimmerbecken sicher schwimmen kann und die oben aufgeführten Bausteine beherrscht, darf er/sie im tiefen Wasser trainieren. Dort wird auch die Prüfung für das Seepferchen-Abzeichen abgelegt. Besonders wichtig finden wir, dass der Prüfling nicht nur eine 25-Meter-Bahn sicher schwimmen kann, sondern auch einen Schwimmlagewechsel (Brust-/Rücken) beherrscht und sich sicher auf dem Rücken liegend im Wasser treiben lassen kann (Seestern), zur Selbstrettung.
Kreative Lösungen
Wie in anderen Lernbereichen geht es auch im Schwimmunterricht darum, eine individuelle Passung zwischen Lernanforderung und dem Schüler bzw. der Schülerin herzustellen. Vor allem ab dem Bronze-Abzeichen, bei dem es auch um die Beherrschung verschiedener Sprungtechniken und das Ertauchen eines Rings aus 2 Metern Tiefe geht, sind kreative Vermittlungswege gefragt. Es lässt sich natürlich nach dem grundsätzlichen Sinn dieser Aufgaben für einen blinden Schüler oder eine blinde Schülerin fragen. Da diese aber zu den vorgegebenen Prüfungsleistungen gehören, müssen sie von allen beherrscht werden. Meiner bisherigen Erfahrung nach sind die blinden Schülerinnen und Schüler (zu Recht) auch sehr stolz auf ihre absolvierten Schwimmabzeichen – und wir natürlich mit ihnen.
Das Schwimmprojekt am Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte Hamburg (BZBS)
Entstehung des Schwimmprojekts
Die mangelnde Schwimmfähigkeit von Kindern war bereits vor der Coronapandemie ein Thema und ist bedingt durch den Lockdown in den Jahren 2020 und 2021 noch stärker in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt. Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) ging für 2022 von einem Anteil von 37 % aller Kinder im Grundschulalter aus, die noch kein Schwimmabzeichen – nicht einmal das auf das Schwimmen vorbereitende Seepferdchen – erworben hatten. Von „schwimmfähig“ spricht man erst, wenn die Bedingungen des deutschen Schwimmabzeichens Bronze1 erfüllt werden.
Und wie ist es um die Schwimmfähigkeit von Kindern mit einer Behinderung, in unserem Fall um Kinder mit dem Förderschwerpunkt Sehen, bestellt?
Offizielle Zahlen gibt es hierzu nicht. Eine schulinterne Umfrage zum Schuljahrsende 2020/21 unter den Eltern unserer Grundschülerinnen und Grundschüler ergab einen Anteil von über 90 % aller Schülerinnen und Schüler ohne ein Schwimmabzeichen. Und das, obwohl wir seit vielen Jahren einen Schwimmkurs im Rahmen des Nachmittagsunterrichts anbieten und sich ein Therapieschwimmbecken auf unserem Schulgelände befindet. In diesem wurden regelmäßig Wassergewöhnungskurse für unsere jüngeren Grundschulkinder und für Kinder mit weiteren Förderschwerpunkten angeboten. Bedauerlicherweise konnte dieses Schwimmbecken häufig über einen längeren Zeitraum aus Reparaturgründen nicht genutzt werden.
Nach der Elternbefragung zum Schuljahresende 2020/2021 erschien uns die Dringlichkeit zu handeln sehr hoch und wir entschieden, verstärkt Schwimmlernkurse anzubieten. So starteten wir zu Beginn des Schuljahres 2021/22 mit den ersten Schwimmlernkursen für unsere Grundschulkinder.
Darüber hinaus fing ich an zu recherchieren, welche Hamburger Schwimmschulen wir den Eltern unserer Schülerinnen und Schüler empfehlen und was wir noch tun könnten, um das Nichtschwimmerproblem unserer Schule zu lösen. Wie sich nämlich schnell zeigte, zog sich die sehr hohe Nichtschwimmerquote durch sämtliche Abteilungen unserer Schule.2
Schwimmlernkurse für Kinder mit Blindheit oder Sehbehinderung in Vereinen
In Hamburg finden sich keine Anbieter von Schwimmkursen für Kinder mit Blindheit oder Sehbehinderung. Insgesamt besteht ein großer Mangel an Schwimmkursen für Kinder mit einer Behinderung. Bäderland in Hamburg nimmt offiziell keine Kinder mit Behinderung in seine Kurse auf, mit der Begründung, dass das Schwimmlehrpersonal nicht für die Besonderheiten dieser Kinder ausgebildet sei. Die beiden größten Hamburger Vereine, die inklusive Schwimmkurse anbieten, der ETV Hamburg und der SVE Hamburg, haben derzeit (Dezember 2023) ihre Wartelisten für Interessierte geschlossen.
Aus den Gesprächen mit den Eltern unserer Schülerinnen und Schüler habe ich zudem mitgenommen, dass es sich die allermeisten Eltern nicht zutrauen, ihrem Kind selbst das Schwimmen beizubringen.
Schwimmunterricht laut der aktuellen Bildungspläne und die Umsetzung in Hamburg
Laut dem aktuellen Hamburger Bildungsplan Grundschule (2022) sollen die Schülerinnen und Schüler am Ende der Jahrgangsstufe 4 die Bedingungen des Seepferdchen-Schwimmabzeichens und weitgehend die Bedingungen des Schwimmabzeichens Bronze erfüllen. Gemäß dem Bildungsplan Stadtteilschule (2011/2018) sind die Mindestanforderungen nach der Jahrgangsstufe 8 vergleichbar mit den Bedingungen fürs Bronzeabzeichen.
Der entscheidende Unterschied in der Umsetzung vom Schwimmunterricht zwischen Regelschulen und Sonderschulen ist, dass die Regelschulen in Hamburg nicht mehr selbst für den Schwimmunterricht zuständig sind, sondern der städtische Betreiber mit der Erteilung des Schwimmunterrichts beauftragt worden ist. Die Sonderschulen, also auch unsere Schule mit dem Förderschwerpunkt Sehen, sind weiterhin selbst für die Umsetzung des Schwimmunterrichts zuständig. Konkret bedeutet dies, dass wir unsere Schülerinnen und Schüler, die nach den allgemeinen Bildungsplänen unterrichtet werden, bis spätestens zum Ende der Jahrgangsstufe 8 im Schwimmunterricht befähigt haben müssen, die Anforderungen des Bronze-Schwimmabzeichens zu erfüllen. Die rechtliche Voraussetzung für den Einsatz von Lehrkräften in einem öffentlichen Schwimmbad ist ein gültiger Rettungsschwimmnachweis Bronze. Für die Personalplanung einer Schule mit unserem Schwerpunkt bedeutet der Schwimmunterricht eine Herausforderung, da der Personalschlüssel hierfür sehr hoch sein muss.
Zusätzlich stellte sich uns die Frage, wie die Schülerinnen und Schüler, die lernzieldifferent und nicht nach den allgemeinen Bildungsplänen unterrichtet werden, schwimmtechnisch beschult werden sollen. Wer bringt diesen Kindern und Jugendlichen das Schwimmen bei? Wir haben uns dazu entschieden, hier keine Unterschiede zwischen den verschiedenen Schülerinnen und Schülern und ihren angestrebten Bildungsabschlüssen zu machen. Alle, die aktiv an der Gesellschaft teilhaben und Freizeitangebote nutzen, sollten auch schwimmen können.
Entwicklung der Schwimmkurse ab 2021/22
Im Schuljahr 2021/22 starteten wir mit drei Schwimmlerngruppen, bestehend aus drei bis fünf Kindern unserer Grundschulabteilung. Die Kurse fanden zunächst zweimal wöchentlich je 30 Minuten in unserem schuleigenen Therapiebecken statt. Bereits vor den Herbstferien erfüllten einige Kinder die Bedingungen des Schwimmabzeichens Seepferdchen. Ende 2021 führte eine längerfristige Sperrung unseres Schulschwimmbads dazu, dass wir unsere Schwimmkurse in ein öffentliches Schwimmbad verlegten. Glücklicherweise standen uns zwei Schwimmzeiten à 45 Minuten in einem Schwimmbad zur Verfügung, die wir nutzen konnten. Der Vorteil war, dass wir hier nun die Kinder auch an das Schwimmen im tiefen Wasser gewöhnen konnten. Das Wechsel- und das Kursprinzip behielten wir bei: Vorrang hatten die Schülerinnen und Schüler, die sich in ihrem letzten Grundschuljahr befanden. Sobald ein Kind die Prüfung für das Seepferdchen-Schwimmabzeichen erfolgreich abgelegt hatte, durfte es zur Festigung des Gelernten noch zweimal am Schwimmkurs teilnehmen. Im Anschluss daran wurde der Platz dann neu vergeben. Die Schwimmkurse erfreuten sich schnell einer hohen Beliebtheit unter den Kindern. Im Schuljahr 2021/2022 erlangten 12 Kinder das Seepferdchen-Schwimmabzeichen.
Im Schuljahr 2022/23 erweiterten wir die Schwimmkurse um weitere Schwimmzeiten und boten nun auch Schülerinnen und Schülern aus anderen Abteilungen unserer Schule die Möglichkeit, an einem der Schwimmlernkurse teilzunehmen. Die Kurse waren jahrgangs- und abteilungsübergreifend zusammengesetzt. Es gab vier Schwimmlernkurse am Schulvormittag, in denen für das Seepferdchen- bzw. für das Bronze-Schwimmabzeichen trainiert wurde. Quereinsteigerinnen und -einsteiger, die während des Schuljahres hinzukamen, meistens geflüchtete Schülerinnen und Schüler, wurden sofort in unsere Schwimmkartei aufgenommen und schnellstmöglich berücksichtigt. Daneben gab es weiter den frei zu wählenden Nachmittagsschwimmkurs. Am Ende des Schuljahres hatten wir 52 erfolgreiche Schwimmprüfungen abgenommen (26 Seepferdchen-, 13 Bronze-, 12 Silber- und 1 Gold-Schwimmabzeichen).
Eltern-Kind-Schwimmkurse
Ein weiterer Baustein unseres neuen Schwimmkonzepts ist die Zusammenarbeit mit den Eltern unserer Schülerinnen und Schüler. Zum einen haben wir von Beginn an immer wieder einzelne Eltern zum Kurs ihres Kindes eingeladen, wenn deutlich wurde, dass ihr Kind Training über die Schulangebote hinaus benötigte. Wir haben den Eltern dann konkret gezeigt, wie sie mit ihrem Kind auch in der Freizeit üben können. Zum anderen haben wir ab September 2022 mit Eltern-Kind-Schwimmkursen begonnen. Diese sind aus dem Wunsch von Eltern nach Unterstützung und Anleitung zur Wassergewöhnung und Schwimmvermittlung entstanden. Sie finden viermal im Schuljahr an einem Samstag für 1,5 Stunden im Therapieschwimmbecken unserer Schule statt. In dieser Zeit beraten wir die Eltern, was ein nächster Lernschritt für ihr Kind sein könnte, und erproben diesen gemeinsam im Wasser. Als Leitfaden für zu Hause erhalten die Eltern ein Handout mit Angaben zu den Vorläuferfertigkeiten für das Schwimmenlernen und deren spielerische Anbahnung sowie mit Hinweisen zur Schwimmvermittlung im Förderschwerpunkt Sehen.
Zu den Kursen eingeladen werden nicht nur alle Eltern bzw. Sorgeberechtigten unserer Schule, deren Kinder noch nicht schwimmen können. Das Angebot richtet sich auch an die Eltern der Schülerinnen und Schüler, die in Regelschulen inklusiv beschult oder von der Frühförderung unterstützt werden. Viele Eltern kommen ein- bis zweimal, andere nehmen regelmäßig teil. Der Kurs bietet Eltern nicht nur die Möglichkeit, sich Unterstützung und Anregungen durch uns Lehrkräfte zu holen, sondern auch, das eigene Kind fröhlich im Wasser spielend zu erleben. Durch die offene Atmosphäre und das gemeinsame Spielen im Wasser entstehen auch immer wieder freundschaftliche Kontakte unter den Eltern. Mittlerweile stößt das Kursangebot auf eine hohe Nachfrage bei den Eltern und Kindern, die hierfür gegebenenfalls auch lange Fahrtwege in Kauf nehmen.
Erweiterung des Schwimmangebots 2023/24
Seit dem laufenden Schuljahr gibt es auch für unsere Schülerinnen und Schüler mit einem zusätzlichen Förderbedarf in der geistigen und körperlich-motorischen Entwicklung verbindlich zwei Kurse zur Wassergewöhnung. Damit soll dem Schwimmkonzept der Schule Rechnung getragen werden, nach dem jede Schülerin und jeder Schüler mindestens zweimal im Laufe der Schulzeit am Schwimmunterricht bzw. an der Wassergewöhnung teilnehmen soll.
Resümee
Das Schwimmprojekt unserer Schule hat funktioniert. Aus dem Anfangsdilemma mit über 90 % Nichtschwimmerinnen und Nichtschwimmern in den Klassenstufen 3 und 4 zum Ende des Schuljahres 2020/2021 haben wir uns befreit. In den aktuellen Klassenstufen 3 und 4 besitzt etwa ein Fünftel der Kinder noch kein Seepferdchen-Abzeichen. Diese Schülerinnen und Schüler befinden sich in unseren Schwimmkursen und trainieren jede Woche weiter für ihr Schwimmabzeichen.
Förderlich für unser Schwimmprojekt war, dass die Wichtigkeit des Schwimmunterrichts den Kolleginnen und Kollegen des BZBS schnell zu vermitteln war. Dadurch, dass es sich um Kurse handelt, die nicht unserer normalen Unterrichtstaktung entsprechen, wenn sie in einem der öffentlichen Schwimmbäder stattfinden, sind wir auf die Kooperation aller Kolleginnen und Kollegen angewiesen, denn in der Schwimmzeit nehmen die Schülerinnen und Schüler nicht am regulären Klassenunterricht teil und müssen den verpassten Unterrichtsstoff zu einer anderen Zeit nachholen.
Auch die Multiprofessionalität unseres Kollegiums kommt uns in den Kursen immer wieder zugute. So holen wir uns bei Bedarf z. B. Rat von einer unserer Physiotherapeutinnen, wenn es um das Schwimmenlernen für Kinder und Jugendliche mit einer körperlichen Beeinträchtigung geht.
Besonders bei den Grundschulkindern beobachte ich große Fortschritte im Erwerb der Schwimmfähigkeit. Die meisten von ihnen kommen voller Begeisterung in die Schwimmkurse. Für unsere Stadtteilschülerinnen und -schüler stellen die Schwimmkurse eine größere Herausforderung dar. Nach unserer Erfahrung scheint bei ihnen die Bereitschaft, für das Bronze-Schwimmabzeichen zu trainieren, in der Regel geringer zu sein als die Motivation hierzu bei den Grundschulkindern. Für unser Schwimmkonzept bedeutet dies, dass die Schülerinnen und Schüler das Bronze-Schwimmabzeichen möglichst schon in der Grundschulzeit erreicht haben sollten.
Eine wichtige Frage, die mich zurzeit sehr beschäftigt, ist die nach dem Unterricht für unsere blinden Langzeitschwimmschülerinnen und -schüler. Sind wir nicht in besonderer Weise für das Schwimmenlernern dieser Kinder und Jugendlichen zuständig? Viele öffentliche Schwimmbäder in Deutschland halten sich an die Empfehlung der DLRG e. V. (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft), nur Personen mit dem Bronze-Schwimmabzeichen zu erlauben, ohne eine Begleitperson schwimmen zu gehen. Und auch die existierenden inklusiven Schwimmkurse, die sich an blinde und sehbehinderte Erwachsene richten, haben als Eingangsbedingung das Bronze-Abzeichen. Bei meiner Recherche habe ich bedauerlicherweise keine Angebote von Schwimmlernkursen für blinde Erwachsene gefunden.
Aus meinen bisherigen Erfahrungen heraus rate ich allen Eltern von blinden und sehbehinderten Kindern und Institutionen, in denen blinde und sehbehinderte Kinder beschult werden, so früh wie möglich mit einer spielerischen Wassergewöhnung zu starten. Im Laufe der Grundschulzeit sollte dann das Seepferdchen- und zum Ende der Grundschulzeit das Bronze-Schwimmabzeichen absolviert werden. Wird erst später mit der Wassergewöhnung begonnen, kann zwar immer noch das Schwimmen erlernt werden, oft hat sich aber bereits Angst oder Misstrauen dem Wasser gegenüber gebildet, was nur mühevoll abgebaut werden kann. Die Freude und Unbeschwertheit, die jüngere Kinder im Umgang mit Wasser haben, sollte auf jeden Fall genutzt werden.
Was machen wir aber nun mit unseren sehr langsam Lernenden? Am besten wäre es, wenn wir Schwimmlehrkräfte und auch Vereine fänden, denen wir unser Wissen und unsere Erfahrungen vermitteln könnten und die dann im Rahmen von Nachmittags- oder Wochenendkursen weitere Schwimmkurse für diese Kinder und Jugendlichen und vielleicht auch für blinde oder sehbehinderte Erwachsene anbieten würden.
Einen ersten Schritt in Richtung Kooperation sind wir bereits gegangen. Im Sommer 2023 habe ich Kontakt mit Prof. Dr. Nils Schumacher der Universität Hamburg im Fachbereich Sport aufgenommen und stellte im Dezember 2023 den Sportstudierenden im Vertiefungsfach Schwimmen unser Schwimmprojekt vor. Anfang Januar 2024 haben die ersten Studierenden in unseren Schwimmkursen hospitiert und nun (Februar 2024) schreibt der erste Sportstudierende an einer Hausarbeit zum Thema „Schwimmunterricht mit blinden Kindern“. Aus meiner Sicht bieten unsere Kurse einige Fragestellungen, die wissenschaftlich begleitet werden sollten. Bedauerlicherweise gibt es bisher zum Thema Schwimmunterricht im Förderschwerpunkt Sehen im deutschsprachigen Raum kaum Literatur.
Wir sind sehr interessiert am Austausch mit anderen Schulen oder auch Vereinen und stehen bei Fragen zum Schwimmen auch sehr gern als Ansprechpartner zur Verfügung.
Literatur
Stoll, Silvia (2006). Schwimmen mit Sehbehinderung. Examensarbeit an der Universität Konstanz.
http://www.dlrg.de/informieren/die-dlrg/presse/schwimmfaehigkeit

Julie Rüberg
Bildungszentrum für Blinde
und Sehbehinderte Hamburg
(BZBS Hamburg)
Die zu erbringenden Prüfungsleistungen sind die Kenntnis von Baderegeln, ein Sprung kopfwärts vom Beckenrand und 15 Minuten schwimmen. Dabei müssen mindestens 200 m in zwei verschiedenen Schwimmstilen zurückgelegt werden. Ferner muss aus 2 m Tiefe ein Tauchring ertaucht und ein Paketsprung vom Startblock oder vom 1 m-Brett absolviert werden.
Am Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte Hamburg (BZBS) gibt es folgende Abteilungen: Grundschule, Stadtteilschule, Spezielle Förderung, die Berufliche Schule und die Abteilung Beratung und Unterstützung an Regelschulen. Der Unterricht erfolgt jeweils nach den in Hamburg geltenden Bildungsplänen.