Linus Gutmann

Braille-Musiknotenschrift – neue digitale Möglichkeiten

Linus Gutmann

Braille-Musiknotenschrift

Die Braille-Musiknotenschrift ist ein Schriftsystem, welches Noten in Braille darstellt, und ist als Erweiterung der Brailleschrift anzusehen. Genauso wie in der alphabetischen Brailleschrift werden Kombinationen aus sechs taktilen Punkten genutzt. Diese repräsentieren in der Braille-Musiknotenschrift jedoch nicht Buchstaben oder Satzzeichen, sondern musikalische Informationen wie Notenwerte, Tonhöhen, Taktangaben und vieles mehr. Besonders an der Braille-Musiknotenschrift ist, dass jedes Land eine spezifische Version der Braille-Musiknotenschrift nutzt, diese Unterschiede werden mit Ländercodierungen kenntlich gemacht.

Vor- und Nachteile von Braille-Musiknotenschrift

Im Fachdiskurs stellt sich immer wieder die Frage nach der Legitimität von Braille-Musik­notenschrift. Die Funktion von Noten in der Musik ist es, musikalische Information so präzise wie möglich darzustellen, um diese eigenständig rezipieren oder produzieren zu können. Dies gelingt der Braille-Notenschrift genauso wie den Notensätzen, die in Schwarzschrift verfasst sind. Dementsprechend führt, gerade im professionellen Kontext, kein Weg an der Braille-Musiknotenschrift vorbei. Inwiefern jedoch im schulischen Kontext die Braille-Musiknotenschrift sinnvoll ist, lässt sich nur individuell mit der einzelnen Schülerin und dem einzelnen Schüler abwägen.

Zentral für den Vergleich beider Darstellungssysteme von Noten in Schwarzschrift und Braille sind die Unterschiede, wie diese wahr­genommen werden: „Tasten hat einen stärker sukzessiven Charakter als Sehen. Hierdurch ist das Erkennen von Zusammenhängen und Relationen erschwert“ (Lang und Heyl 2021, 128). Aus diesem wesentlichen Unterschied zwischen visueller und haptischer Wahrnehmung lassen sich folgende Schlüsse ziehen.

Blinden Menschen ist es beim ersten Lesen von Braille-Musiknotenschrift nicht möglich, einen Gesamtüberblick über die Seite zu erhalten und im Anschluss gezielt nach einem Symbol zu suchen. Beim visuellen Lesen der Schwarzschriftnotation ist dies mit geübtem Auge und Vorwissen schnell möglich. Beginnt man ein Musikstück in Braille-Musiknotenschrift zu lesen, wird sukzessiv das Musikstück erfasst. Dieses sukzessive Vorgehen ist auch beim auditiven Erfassen eines Musikstückes vorzufinden, wobei das Hören meist einen schnelleren Zugang gewährt, da die musikalischen Informationen in einem höheren Tempo bereitgestellt werden. Dies geschieht allerdings auf Kosten der präzisen Darstellung musikalischer Information. Die höhere Informationsdichte kann wiederum zu einer verbesserten Erfassung der musikalischen Strukturen beitragen. In der Praxis ist eine Kombination beider Wahrnehmungskanäle anzustreben. Beim Lesen von Braille-Musik­notenschrift muss außerdem mehr Zeit eingeplant werden als beim Lesen von Schwarzschriftnotation oder beim Hören der Musik (vgl. Lang und Heyl 2021, 128). Das parallele Abrufen von Informationen und Produzieren von Musik („vom Blatt spielen“) ist bei der Braille-Musiknotenschrift in der Regel nicht möglich, d. h., blinde Musiker arbeiten schrittweise (Noten lesen oder über die Sprachausgabe hören, Noten spielen etc.).

Digitale Lösungen

Der gängige schulische Lern- und Arbeitsprozess im Thema Braille-Musiknotenschrift sieht wie folgt aus: Zunächst nutzt man Lehrwerke der Braille-Musiknotenschrift, um Schülerinnen und Schülern das Schriftsystem beizubringen. Hier gibt es einige Lehrwerke, z. B. „Musik-Punkte“ von Martin Huwyler oder „Punkt für Punkt – für Sehende und Blinde“ von Martin Rembeck. Nach dem Erlernen der Braille-Musiknotenschrift kann Kontakt zur Braille-Bibliothek im deutschen Zentrum für barrierefreies Lesen in Leipzig (DZB Lesen) und dem speziell für Braille-Musiknotenschrift spezialisierten Team DaCapo aufgenommen werden. Hier kann Braille-Literatur ausgeliehen, gekauft oder digital umgesetzt werden. Das Team DaCapo bietet die kostenlose Schnellübertragung namens „MakeBraille“ an, bei welcher innerhalb von wenigen Sekunden digitale Musikdateien (Music-XML) in Braille-Musiknotenschrift umgesetzt und der Kundin oder dem Kunden per Mail zugeschickt werden (vgl. Deutsches Zentrum für barrierefreies Lesen 2024). Neben dem Service des Deutschen Zentrums für barrierefreies Lesen existieren verschiedene weitere digitale Lösungen, z. B. der BrailleMusicEditor, Muse­Score, Capella mit barrierefreiem Skript, Sibelius, GOODFEEL und einige mehr.

Im Jahr 2017 initiierte die „Norwegian Library of Talking Books and Braille“ ein neues Projekt mit dem Namen „Music Braille“ im DAISY Konsortium, dem internationalen Dachverband für die Förderung von Braille-Schrift. Das Projekt „Music Braille“ ist ein Netzwerk, welches sich zum Ziel gesetzt hat, die Braille-Musiknotenschrift zu fördern und weiterzuentwickeln (The DAISY Consortium 2024). Hieraus entstand die Zusammenarbeit mit dem Notensatzprogramm Muse­Score, welches in der Version Muse­Score 4 einige neue barrierefreie Funktionen präsentiert (MuseScore 2023).

Im Anwendungsmenü im Reiter „Bearbeiten“ findet sich das Feld „Einstellungen“. Hier können barrierefreie Einstellungen im Bereich „Aussehen“ und „Braille“ getroffen werden. Im Bereich „Braille“ kann das Braille-Panel aktiviert werden. Im Braille-Panel werden taktweise alle Noten im aktuell gewählten Takt in Braille-Musiknotenschrift dargestellt. Im folgenden Bild wird die Benutzeroberfläche mit aktiviertem Braille-Panel gezeigt.

Ein Bildschirmfoto der Benutzeroberfläche des Programms Muse­Score 4 mit Anwendungsmenü, Funktionsbereich zum Produzieren diversen musikalischen Informationen, Ausgabebereich visueller Notation und Ausgabebereich in Braille-Musiknotenschrift.

Abbildung 1: Benutzeroberfläche des Programms Muse­Score 4

Hieraus ergibt sich folgender Arbeitsprozess: Möchte man die Noten eines bestimmten Musikstückes in Braille-Musiknotenschrift lesen, sucht man eine Quelldatei (z.B. MIDI-, -musicXML, MuseScore-Dateien) und öffnet diese in MuseScore. Quelldateien können über das Internet bezogen werden, sollten aber auf Fehler überprüft werden. Anschließend kann diese Datei auf verschiedenen Wahrnehmungskanälen zugänglich gemacht werden. Entweder Muse­Score spielt das Musikstück oder einzelne Stimmen des Musikstückes ab, der Screenreader NVDA liest die einzelnen musikalischen Informationen vor oder das Braille-Panel zeigt die Braille-Musiknotenschrift an, sodass diese auf der Braille-Zeile angezeigt wird. Das Schreiben von Braille-Musiknotenschrift im Braille-Panel ist aktuell noch nicht möglich, soll aber in den nächsten Versionen kommen.

Im inklusiven Unterricht wurden dieser Prozess und die allgemeine Barrierefreiheit von Muse­Score noch nicht erprobt. Die Navigation über Shortcuts und Tastatur sowie einige weitere Shortcuts klingen jedoch vielversprechend: Mit Strg + F (Suche/Gehe zu) und Eingabe der Taktzahl springt der Cursor zu dem bestimmten Takt. Mit Strg + M wird eine Übungsmarke hinzugefügt, die über die Suchen-Funktion angesteuert werden kann.

Das Braille-Panel komplettiert die Funktionen von barrierefreien Notensatzprogrammen im Sinne des Konzepts Universal Design aus Artikel 2 der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Innerhalb eines Programmes kann musikalische Information visuell, auditiv und haptisch rezipiert und produziert (außer Produktion im Braille-Panel) werden. Eine ausführliche Version dieses Artikels findet sich auf: https://augenbit.de

Literatur

Deutsches Zentrum für barrierefreies Lesen (2024). DaCapo – Noten und Musik. Online verfügbar unter https://www.dzblesen.de/ueber-uns/fachthemen-kooperationen-projekte/da-capo-noten-musik (abgerufen am 25.03.2024).

Lang, Markus/Heyl, Vera (2021). Pädagogik bei Blindheit und Sehbehinderung. Stuttgart, Verlag W. Kohlhammer.

Muse­Score (2023). Muse­Score 4.1: Live Braille Features. Online verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=xnD5Py4YbfI (abgerufen am 25.03.2024).

The DAISY Consortium (2024). Music Braille. Online verfügbar unter https://daisy.org/activities/projects/music-braille/ (abgerufen am 25.03.2024).

Autorenbild von Linus Gutmann

Linus Gutmann

Schloss-Schule Ilvesheim

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