Dorothee Haentjes-Holländer

Wilhelm Mecker – Eine Begegnung nach über 140 Jahren

Dorothee Haentjes-Holländer

Im Jahr 2013 erschien im Dürener Verlag Hahne & Schloemer das faszinierende Buch „Man hat mir gesagt, meine Augen waren blau“ zum 125-jährigen Bestehen des Rheinischen Blindenfürsorgevereins 1886 (RBV), Düren (Landschaftsverband Rheinland 2013). Darin wird vor allem in den Beiträgen von Friedrich Dreves (ebenda) und Bernd Hahne (ebenda) auf die Bedeutung Wilhelm Meckers für die Entwicklung des Blindenbildungswesens und für den RBV verwiesen. Im Zusammenhang mit dem langjährigen Spiritus rector der Dürener Provinzial-Blindenanstalt werden jedoch auch verschiedene Leerstellen beklagt: dass man in einschlägigen Nachschlagewerken zu Wilhelm Mecker kaum fündig werde und dass – wie aus Ersterem folgt – keine umfassende Biografie über ihn erhältlich ist.

Nach der eingehenden Beschäftigung mit der Biografie meines Urgroßvaters Anton Sauerwald (1866–1935), der „Zögling“ der Dürener Anstalt war, hoffe ich, dem offenbar unvollständigen Bild, das sich die Nachwelt über Wilhelm Mecker bislang machen kann, durch den vorliegenden Artikel zumindest ein kleines Puzzle-Stück hinzufügen zu können.

Bis zum Frühjahr des Jahres 1884 war der sehend geborene Anton Sauerwald zum Kaufmann ausgebildet worden. Sein Lebensweg schien vom ersten Atemzug an vorgezeichnet. Er besuchte das renommierte Gymnasium in Heiligenstadt und die Handelsschule in Magdeburg. Anschließend sollte er in das breit aufgestellte sauerländische Handelsunternehmen des Vaters eintreten und später einmal dessen Stelle in der Firma einnehmen. Doch es kam anders.

Im Frühjahr 1884 entdeckte der 17½-Jährige einen Pickel in seinem Gesicht, an der Nase oder am Kinn, und er kratzte ihn auf. In der Folge entzündete sich die Wunde und führte zu einer schweren Blutvergiftung. Schließlich kam Anton Sauerwald zwar mit dem Leben davon – aber er hatte sein Augenlicht verloren.

Zu dieser Zeit konnte sich noch niemand vorstellen, dass ein blinder Mensch ein Unternehmen führen könnte. Die Erblindung bedeutete einen völligen Paradigmenwechsel, zunächst einmal für den Betroffenen selbst, der sich einen neuen Beruf suchen musste, aber auch für die Familie und das väterliche Unternehmen, für das nun ein jüngerer Bruder ausgebildet wurde.

Nach seiner Genesung begab sich Anton Sauerwald im Herbst 1884 in die Dürener Provinzial-Blindenanstalt, um sich hier zum Musiklehrer und Klavierstimmer ausbilden zu lassen und danach möglichst auch noch ein Orgelexamen am Aachener Gregoriushaus abzulegen.

Dass Anton Sauerwald die Dürener Provinzial-Blindenanstalt für seine Ausbildung wählte, sollte zu einem der größten Glücksfälle seines Lebens werden. Denn in Wilhelm Mecker als Leiter der Anstalt fand er seinen wohl wichtigsten Förderer. Zunächst durchlief Anton Sauerwald die angestrebte Ausbildung. Danach wurde er – offenbar durch die Vermittlung Meckers – Schüler von Franz Strung, der Organist an der Kölner St.-Aposteln-Kirche war und ebenfalls Absolvent der Dürener Blindenanstalt. Tatsächlich erhielt Anton Sauerwald einige Zeit nach seinem erfolgreich abgelegten Orgelexamen eine Stelle als Hilfsorganist in der aufstrebenden Stadt Bochum.

Hier muss Wilhelm Mecker, der seine selbstständigen Ehemaligen regelmäßig aufsuchte und auf diese Weise ihre berufliche Entwicklung weiter begleitete, Anton Sauerwald besucht haben. Es ist wohl seinem besonderen Gespür und der offenbaren Menschenkenntnis Wilhelm Meckers zu verdanken, dass er die latente Unzufriedenheit seines Ehemaligen bemerkte. Denn in seinem Herzen war Anton Sauerwald Kaufmann geblieben. Außerdem war er inzwischen, nach der Heirat mit seiner Jugendliebe Maria Grimme, die er noch sehend kennengelernt hatte, Familienvater. Die finanziellen Aussichten als Hilfsorganist und Musiklehrer waren allerdings wenig erfreulich.

Es lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren, wie die Idee, durch die Anton Sauerwald seine Zukunft gestalten sollte, entstand; ob sie sich in einem Gespräch in Bochum anlässlich eines Besuchs Meckers entwickelte oder ob einer der beiden Männer sie allein hatte. Wilhelm Mecker war jedenfalls bestens vernetzt mit den europäischen Blindenanstalten, von denen einige neben Blindenbüchern auch Blindennoten herstellten. Wäre es nicht ein fabelhafter Service für alle blinden Musiker, wenn es einen Händler gäbe, bei dem alle Blindennoten der europäischen Anstalten erhältlich wären?

Die Entwicklung dieses kaufmännischen Alleinstellungsmerkmals, der gebündelte Vertrieb von Blindennoten, wurde die Geburtsstunde zu Anton Sauerwalds beruflichem Lebensglück. Um sich einen Überblick darüber zu verschaffen, welche und wie viele Titel von den europäischen Blindenanstalten zu beziehen waren, ließ Mecker den an der Dürener Anstalt tätigen Musiklehrer August Krage einen Katalog anfertigen. Krage kam auf beachtliche 687 Musikstücke. Sie bildeten die Basis für den Vertrieb der Blindennoten im zu gründenden Musikalienhandel von Anton Sauerwald, in dem neben Noten in Schwarzdruck auch Geigen und Musikzubehör wie Saiten, Metronome und Notenständer erhältlich sein sollten.

Historisches Foto in Sepiatönung von Anton Sauerwalds Musikalienhandlung aus dem Januar 1908. Im Vordergrund Anton Sauerwald, dahinter zwei Angestellte.

Abbildung 1: Anton Sauerwalds Geschäftslokal aus dem Januar 1908 (Privatbesitz)

Als Standort des Unternehmens wurde Köln auserkoren. Köln war – und ist – die Handelsmetropole des Westens, die gerade kräftig wuchs, und dazu noch eine Stadt, in der viel Musik gemacht wurde. Außerdem war Wilhelm Mecker auch hier bestens vernetzt. Der Rheinische Blindenfürsorgeverein, dessen Schriftführer und Leiter Mecker war, unterhielt seit 1886, 1887 und 1890 Blindenwerkstätten in Köln, die Mecker regelmäßig besuchte. Für die Ausbildungsstätte der dort Tätigen, die Dürener Provinzial-Blindenanstalt, warb Mecker bei namhaften Kölner Institutionen regelmäßig um Spenden. Mit bestem Erfolg. Die „Festschrift zur fünfzigjährigen Jubelfeier der Rheinischen Provinzial-Blindenanstalt zu Düren“ von 1895 vermerkt für die Jahre 1886 bis 1893 zahlreiche Kölner Geldgeber, darunter auffallend viele aus der Laien-Musikszene und dem organisierten Karneval.

Eine ganz besondere Unterstützung erhielt der zukünftige Musikalienhändler offenbar in finanzieller Hinsicht. Mecker hatte die Möglichkeit, Anton Sauerwald ein Darlehen zu gewähren. Die Mittel stammten vom „Verein zur Fürsorge für die Blinden in der Rheinprovinz“, den Wilhelm Mecker gegründet hatte und in dessen Mittelpunkt die gezielte Hilfe zur Selbsthilfe für die Absolventen der Dürener Blindenanstalt stand, in Form von „Blindenkrediten“. Der Verein – auch an dieser Stelle vertreten durch Wilhelm Mecker – gewährte diese Kredite zu durchaus marktüblichen Konditionen. Allerdings verzichtete der Verein für die ersten Jahre auf die Rückzahlungsraten.

Aus zahlreichen Dokumenten und Aktenstücken, die im Archiv des Landschaftsverbands Rheinland erhalten sind, geht Wilhelm Mecker einerseits als autonom verfahrender Geschäftsführer hervor, aber auch als hochsympathischer und sensibler Menschenfreund. Und ebenso als gewiefter Fuchs. Denn Mecker ließ sich nicht in die Karten gucken. Es finden sich keinerlei Verträge oder Schriftstücke zwischen dem Darlehensgeber und dem Darlehensnehmer. Nur wer weiß, wonach man suchen muss, findet in den Akten einen Beleg: Aus einer Etatplanung für das Geschäftsjahr 1897/1898 geht hervor, dass Wilhelm Mecker im Jahr 1895 einem namentlich nicht Genannten ein Darlehen von 1000 Mark gewährt hat. Es lässt sich nicht eindeutig belegen, aber es spricht einiges dafür, dass der Ungenannte Anton Sauerwald war, der im Jahr 1895 die Gründung seines Geschäfts vorbereitete.

Welch großer Erfolg Anton Sauerwald mit seinem Geschäft, das er am 1. April 1896 im Herzen Kölns, in der Kölner Breite Straße 118 eröffnete, für die Zukunft beschieden war, sollte sein Förderer Wilhelm Mecker nicht mehr erleben. Er verstarb gut eineinhalb Jahre später, im September 1898 in Köln.

Während der Notenhandel den nunmehrigen Kaufmann Anton Sauerwald schon bald nicht mehr befriedigte und er 1899 mit der Vermietung von Klavieren begann, brachte ihm der Handel mit Blindennoten im Jahr 1903 ein großes Prestige ein. Königin Elisabeth von Rumänien, eine geborene Prinzessin des rheinischen Fürstenhauses zu Wied, erwarb bei Anton Sauerwald Blindennoten für ein Blindenheim in Bukarest. Daraufhin erhob ihr Gatte, der rumänische König Carol I., Anton Sauerwald zum königlich rumänischen Hoflieferanten. Auch Auguste Viktoria, die Gattin Kaiser Wilhelms II. und Schirmherrin der 1899 gegründeten Blindenanstalt in Neuwied, kaufte bei Anton Sauerwald ein: den hochmodernen elektrischen Klavierspielautomaten „Apollo“.

Im Lauf ihrer geschäftlichen Tätigkeit erhielt die Firma Anton Sauerwald Generalvertretungen namhafter Klavierhersteller und Instrumentenbauer wie C. Bechstein, Grotrian-Steinweg, Schiedmayer und Mannborg. Sie wechselte ihr Geschäftslokal und zog von der Breite Straße auf den eleganten Hohenzollernring, in die unmittelbare Nähe der Oper am Rudolfplatz. Bis in die 1920er-Jahre hinein entwickelte sich das Geschäft zu einem Unternehmen mit rund 800 m² Betriebsfläche und einer Ausstellung von über 150 Instrumenten und war damit das wahrscheinlich größte Pianohaus in Köln. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise und durch das Aufkommen der modernen Medien Radio und Schallplatte, die der Hausmusik den Rang abliefen, wurde das Unternehmen im Jahr 1931 geschlossen.

Dass Anton Sauerwald seinen Lebenstraum verwirklichen und tatsächlich trotz seiner Erblindung seinen Wunschberuf Kaufmann ausüben konnte, ist zu einem großen Teil dem Engagement und der tatkräftigen Hilfe seines Mentors Wilhelm Mecker zu verdanken. Seiner gedenkt die Autorin dieser Zeilen auch rund 140 Jahre nach Wilhelm Meckers Wirken in großer Dankbarkeit.

Literatur

Haentjes-Holländer, Dorothee (2024). Firma Anton Sauerwald – Eine Biographie und Unternehmensgeschichte. Norderstedt, Books on Demand.

Landschaftsverband Rheinland (Hg.) (2013). Man hat mir gesagt, meine Augen waren blau. Bd. 20 der Reihe: Dokumente und Darstellungen der Geschichte der rheinischen Provinzialverwaltung und des Landschaftsverbandes Rheinland. Düren, Verlag Hahne und Schloemer.