Lars Bernstein, Alena Bilek, Saskia Welty

Wie wir eine Fibel zum Sprechen brachten

Ein Erstlesebuch für den Unterricht mit sehenden und blinden Schülern

Lars Bernstein, Alena Bilek, Saskia Welty

Einleitung

Lesen zu können ist für Schülerinnen und Schüler eine Schlüsselfähigkeit und eine wichtige Grundlage für das weitere Lernen. Das Lesen wird im Unterricht der Grundschule unter anderem mithilfe von Erstlesefibeln vermittelt.

Den Anreiz zum Lesen in diesen Erstlesebüchern bieten kindgerechte, reich bebilderte Geschichten. Insbesondere auf den ersten Seiten ist der Leseanteil in Form einzelner Buchstaben, Silben oder Wörter noch sehr gering. Der Kern der Geschichte wird in Bildern erzählt, die die neu zu erlernenden Buchstaben, Silben und Wörter umrahmen.

Blinden Erstleserinnen und -lesern ist diese Form der Erzählung durch Bilder nicht zugänglich. Da sie das Lesen eben erst erlernen, sind auch schriftliche Bildbeschreibungen nicht hilfreich. Es fehlt ihnen so ein wesentlicher Teil der Erzählung, wodurch die Lesemotivation und damit auch das eigenständige Verstehen des Inhalts eingeschränkt werden kann. Auch eine barrierearme Teilhabe an diesen Büchern bleibt ihnen so verwehrt. Die schlichte Übertragung des reinen Texts in Punktschrift ohne Abbildungen führt daher nicht zum Ziel der Verknüpfung mit der Geschichte.

Vor diesem Hintergrund entschied sich die Bayerische Medienabteilung für Schülerinnen und Schüler mit Blindheit und Seheinschränkungen (Mediablis) dazu, eine aktuelle Erstlesefibel nicht nur in Punktschrift zu übertragen, sondern sie auch so mit Hörelementen anzureichern, dass eine eigenständige Verwendung für blinde Erstleserinnen und -leser möglich wird.

Im Folgenden wird das adaptierte Erstlesebuch vorgestellt, bevor die Umsetzung der „sprechenden Fibel“ beschrieben wird. Darauf folgen Überlegungen zur Verwendung im Unterricht sowie ein Ausblick auf weitere Einsatzmöglich­keiten.

Das Schwarzschriftbuch

Die Erstlesefibel „Die Auer Fibel – Mein Leselernbuch“ erschien 2014 im Ernst Klett Verlag Stuttgart. Auf insgesamt 139 Seiten werden nacheinander alle Buchstaben des Alphabets sowie Lautgruppen eingeführt.

Zeichnung: An einem Lebkuchenstand hängen viele Lebkuchenherzen. Auf den Lebkuchenherzen stehen in weißer Schrift Namen, darunter Lea, Leo, Mama, Oma, Papa und Opa. Lea möchte das Herz mit dem Namen „Mimi“. Leas Eltern stehen neben dem Lebkuchenstand, ihr Vater isst eine Süßigkeit aus einer Papiertüte, ihre Mutter zieht ihren Geldbeutel aus der Handtasche. Dabei denkt sie an die Katze, die das Herz um den Hals trägt.

Abbildung 1: Seiten 22–23 aus „Die Auer Fibel – Mein Erstlesebuch“ (Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Ernst-Klett Verlags, Stuttgart)

Hierfür werden je nach Fortschritt des Leselernstands passende kurze, einfache Wörter, ganze Sätze, bis hin zu komplexeren Handlungen schriftlich dargestellt. Der Aufbau des Buches ist so gestaltet, dass sich immer eine Doppelseite mit einem Buchstaben bzw. einer Lautgruppe befasst, die jeweils aus mehr oder weniger viel Text, ergänzt durch ein großes, belebtes Bild, besteht. Exemplarisch ist hier eine solche Doppelseite aus dem Buch abgebildet (Abbildung 1).

Technische Umsetzung

Die technische Umsetzung sollte sowohl für die Erstellenden als auch die Nutzenden idealerweise niedrigschwellig und kostengünstig sein. Auf Seiten von Mediablis sollten möglichst wenig personelle Ressourcen gebunden werden, auf Seiten der Lernenden und ihres Umfelds (Lehrpersonal, Eltern) sollten möglichst wenig technische Vorkenntnisse erforderlich sein. Die Fibel mithilfe eines digitalen Hörstifts „zum Sprechen zu bringen“ erschien vor diesem Hintergrund praktikabel.

Digitale Hörstifte kommen zum einen bei kommerziellen Verlagen zum Einsatz (z. B. Ravensburger tiptoi® oder BOOKii-Hörstift), zum anderen sind sie als Hilfsmittel für blinde Menschen bekannt (z. B. Penfriend, PennyTalks u. a.).

Die Funktionsweise dieser Stifte ist im Wesentlichen gleich: Berührt man mit der Spitze des Stifts eine bestimmte, mit einem nummerierten Klebeetikett versehene Stelle, z. B. in einem Buch, wird über den im Stift eingebauten Lautsprecher eine hinterlegte Audiodatei wiedergegeben. Den als Hilfsmittel für blinde Menschen vertriebenen Stiften liegen entsprechende Klebeetiketten bei. Die Audiodatei wird im einfachsten Fall direkt über ein im Stift eingebautes Mikrofon aufgenommen, lässt sich aber auch z. B. an einem Computer aufzeichnen, bearbeiten und dann auf den Stift übertragen.

Auswahl des Stifts

Unter den zahlreichen angebotenen Stiften wurden aus Zeitgründen drei Modelle näher betrachtet. Die folgenden Ausführungen bilden damit nur einen Teil des (Hilfsmittel-)Markts ab und sind ausdrücklich keine Kaufempfehlung, sondern stellen die Erwägungen bei der Auswahl des Stifts dar.

BOOKii

  • Vorteile: Erprobte Technik (neben kommerziellen Anbietern auch DBSV-Tastbücher); günstiger Preis (ca. 45 €)
  • Nachteile: Subjektiv schlecht empfundener Klang; Bedienelemente eher schlecht ertastbar; lange Reaktionszeit zwischen Antippen und Abspielen

Penfriend

  • Vorteile: Gute Klangqualität; wenige Tasten
  • Nachteile: Für den Einsatzzweck (Erstklässler) zu viele Funktionen; zu leichtes versehentliches Löschen von Aufnahmen; Etiketten schlecht tastbar, teuerstes Gerät (ca. 180 €)

PennyTalks

  • Vorteile: Schnellste Reaktionszeit zwischen Antippen und Abspielen; wenige, taktil gekennzeichnete Tasten; gut fühlbare Etiketten; Schutz gegen versehentliches Löschen
  • Nachteile: Klangqualität mittelmäßig; Aufnahmen können nicht pausiert und später fortgesetzt werden
  • Preis ca. 160 €

Vor allem aufgrund der schnellen Reaktionszeit und der gut tastbaren Etiketten fiel die Wahl schließlich auf das Modell PennyTalks (Abbildung 2).

Portrait: Der PennyTalks-Hörstift liegt auf einer Seite der in Punktschrift übertragenen Fibel. Der etwa 16cm lange Stift läuft vom oberen, dickeren Ende (Durchmesser ca. 4cm) zur Spitze hin konisch zu. Am oberen Ende ist der eingebaute Lautsprecher zu erkennen. Auf dem Schaft des Stifts befinden sich eine blaue Anzeigeleuchte und drei Bedienelemente (grün, gelb und rot).

Abbildung 2: PennyTalks-Hörstift auf einer Seite der in Punktschrift übertragenen Fibel

Textübertragung

Die Fibel wurde zunächst wie jedes andere bei Mediablis bestellte Buch in Microsoft Word aufbereitet und zur Umwandlung in Braille mit RTFC vorbereitet. Wo ein Bild mithilfe des Hörstifts beschrieben werden sollte, wurde die entsprechende Stelle mit einem Vollzeichen (%) gekennzeichnet.

Screenshot aus dem Textverarbeitungsprogramm mit dem für RTFC aufbereiteten Text. Die einzusprechende Bildbeschreibung lautet: 
I 
Mimi soll das Herz bekommen, 
der Igel hätt es auch genommen. 
Lea ist mit Mama und Papa auf dem Volksfest. 
Sie steht an einer Bude mit Lebkuchenherzen. 
Auf den Herzen stehen Namen: 
Pia, 
Mia, 
Mimi, 
Mami,Omi, 
Papi, 
Opi 
Lea hat das Herz mit dem Namen Mimi ausgesucht. 
Ihre Katze soll es bekommen.

Abbildung 3: Screenshot aus dem Textverarbeitungsprogramm mit dem für RTFC aufbereiteten Text

Die später aufzunehmende Bildbeschreibung wurde als nicht umzuwandelnder Text (innerhalb von HIDDEN-Tags in RTFC) im Dokument hinterlegt (Abbildung 3).

Aufnahmen

Da es sich um ein Pilotprojekt handelte, sollten die Aufnahmen kostenschonend produziert werden. Es wurde auf vorhandene oder frei verfügbare Ressourcen zurückgegriffen: Windows-PC, vorhandenes Mikrofon oder Headset, frei verfügbare Open-Source-Software Audacity als Aufnahmeprogramm.

Als Herausforderung stellten sich die stark hallenden Räumlichkeiten bei Mediablis heraus. Abhilfe schaffte eine improvisierte Schalldämmung mit allem, was zu finden war: Sonnenschirme, Bierbankauflagen, Verpackungsfolie, Fellweste etc. sowie ein aus Verpackungsschaumstoff gebastelter Poppschutz für das Mikrofon (Abbildung 4).

Portrait: Das improvisierte „Tonstudio“. Neben zwei Sonnenschirmen wurden Verpackungsfolien, eine Fellweste und Schaumstoff zur Schalldämmung verwendet. Vor dem Mikrofon sitzt die Sprecherin Saskia Welty.

Abbildung 4: Das improvisierte Tonstudio

Es stellte sich schnell heraus, dass die Aufnahmen am besten zu zweit gemacht werden: eine sprechende und eine technikausführende Person, die Audacity bedient. Die Bedienung dieser Software erschließt sich für Laien schnell – Aufnahme, Stopp und Wiedergabe erfolgen über Schaltflächen in gewohnter Optik, und in der grafischen Darstellung der Audiospur lassen sich Aufnahmen leicht kürzen, Teile können herausgeschnitten oder in andere Aufnahmen kopiert werden. Gerade längere Texte lassen sich von ungeübten Sprechenden kaum am Stück einlesen, sondern können leichter in kleineren Teilen aufgenommen und anschließend zusammengefügt werden.

Die Praxis hat gezeigt, dass man mehrere „Takes“ pro Audiodatei einplanen sollte, selten ist man gleich mit der ersten Aufnahme zufrieden. Mitunter fiel erst während des Einsprechens auf, dass ein Text nicht wirklich kindgerecht formuliert worden war und neu geschrieben werden musste. Daneben stellten sich Fragen wie: „Wie sprechen Grundschüler eigentlich den Buchstaben H aus?“

Unbedingt sollte ein „Bitte nicht stören“-Schild an die Tür gehängt werden! Wenig ist frustrierender, als eine ansonsten perfekte Aufnahme durch eine hereinstürmende Person ruiniert zu bekommen. Und nicht selten brachen entweder die Sprecherin, der Tontechniker oder beide mitten in einer Aufnahme in Gelächter aus – auch dafür sollten Pausen eingeplant werden. Etwa 20 Aufnahmen pro Tag konnten produziert werden, bevor Stimme und Konzentration nachließen.

Die Zuordnung der aufgenommenen Audiodateien zu den nummerierten Etiketten erfolgt über den Dateinamen (im Wesentlichen besteht dieser aus der Nummer des Etiketts). Nach der entsprechenden Benennung können die Dateien mittels eines USB-Kabels auf den Stift übertragen werden (der Stift funktioniert hier wie ein herkömmlicher USB-Stick). Abbildung 5 zeigt das fertige Produkt.

Doppelseite der in Punktschrift übertragenen Auer-Fibel mit einem blauen Klebeetikett für den PennyTalks-Hörstift

Abbildung 5: Doppelseite der in Punktschrift übertragenen Auer-Fibel mit einem blauen Klebeetikett für den PennyTalks-Hörstift

Unter den folgenden URLs bzw. QR-Codes finden sich zwei Hörbeispiele:

QR-Code mit der URL https://bit.ly/3N71Ey0

Abbildung 6: Seiten 2 und 3 der Fibel: https://bit.ly/3N71Ey0

QR-Code mit der URL http://bit.ly/3XIlF2F

Abbildung 7: Seiten 22 und 23 der Fibel (siehe Abbildung 1): http://bit.ly/3XIlF2F

Fazit

Die Anreicherung der Erstlesefibel mit hörbaren Elementen verursachte außer der Anschaffung des Hörstifts keine Sachkosten. Geht man von einer Zahl von etwa 40 Audiodateien pro Buch aus, ließen sich die Aufnahmen innerhalb von zwei Tagen bewerkstelligen.

Der Aufwand ist also überschaubar – es sei nachdrücklich empfohlen, es selbst einmal zu versuchen!

Überlegungen zur Praxis

Da noch wenig Erfahrungen mit der Fibel in der Praxis gesammelt werden konnten, lassen sich bisher nur Vermutungen über den Einsatz mit blinden Kindern anstellen. Ein Grund, eine Erstlesefibel für blinde Erstlesende zu adaptieren, bestand einerseits darin, das gemeinsame Arbeiten in der Klasse mit blinden und sehenden Erstlesenden zu ermöglichen und so die Motivation für das Lesen zu fördern. Andererseits ist es das Ziel, blinden Erstlesenden eine weitestgehend selbstständige Arbeit mit den Materialien zu eröffnen und so Chancen und Teilhabemöglichkeiten zu stärken.

Einsatz der Fibel im Unterricht

In Lesephasen und beim selbstständigen Üben kann der digitale Hörstift von blinden Schülerinnen und Schülern eigenständig bedient werden. Sie sind damit nicht immer auf eine sehende Person angewiesen, um den Inhalt der Bilder in der Fibel zu erfassen.

Umsetzungsidee mit der ganzen Klasse

Am Stundenbeginn könnten in einem gemeinsamen Unterrichtsgespräch die Bilder des neuen Kapitels mündlich beschrieben werden. Blinde Erstlesende können die Rolle des Beschreibenden übernehmen, indem sie zuvor die Audiodatei anhören (z. B. mit Kopfhörern). Alternativ könnten die Beschreibungen der Klasse mit dem gemeinsamen Anhören der Audiodateien ergänzt werden.

Vorzüge dieser Adaptionsmethode

Neben taktilen Reizen werden in der Fibel auch akustische Reize angeboten. Für blinde Erstlesende könnte der zusätzliche akustische Zugang eine bereits bekannte Informationsquelle (aus Alltag, Kindergarten, Hörbüchern etc.) darstellen und somit sowohl Abwechslung als auch Sicherheit bieten.

Beim Einsatz der sprechenden Fibel können für blinde und sehende Schüler und Schülerinnen die gleichen Geschichten und Figuren als Lese- und Sprechanlass genutzt werden. Dies erleichtert die Mitarbeit blinder Kinder im Unterricht, da sie die gleichen Texte und Darstellungsinhalte verwenden, statt andere Texte nutzen zu müssen.

Ausblick

Die Erstellung der Etiketten für ein „sprechendes Buch“ erfordert etwas Zeit und Kreativität. Ein Projekt zur Erstellung weiterer Bücher oder Texte könnte auch zusammen mit (älteren) Schülern und Schülerinnen umgesetzt werden, die dann die Texte einlesen.

Die sprechende Erstlesefibel legt den Fokus bei der Vermittlung der Bilder bisher auf die akustischen Hördateien. Dies ist sinnvoll, weil die Darstellungen meist sehr detailliert sind und schwer tastbar gemacht werden können. In einem weiteren Schritt könnten zusätzlich vereinfachte tastbare Bilder erstellt werden. So gäbe es im Buch einen weiteren Sinn aktivierende, zusätzliche fühlbare und optische Anreize, die zum Arbeiten damit motivieren.

Da die erste „sprechende Fibel“ gut angenommen wurde, wird für das laufende Schuljahr eine weitere Erstlesefibel in dieser Form adaptiert.

Neben Erstklassfibeln bieten sich natürlich auch andere bebilderte Schulbücher an. Ein weiterer Einsatzbereich, für den diese Übertragungsmethode sinnvoll sein könnte, wäre der L-Bereich. In weiterführenden Jahrgangsstufen könnten taktile Zeichnungen durch Audiodateien angereichert werden, die zum Beispiel bei der Orientierung in komplexen Abbildungen helfen und zusätzliche Informationen liefern, für die auf der eigentlichen Abbildung kein Platz mehr war. Für ältere Lernende bietet sich der Einsatz des Smartphones anstelle des Pens an. Die Audiodateien könnten zum Download angeboten werden, als „Auslöser“ kommen NFC-Etiketten in Betracht.

Die Autorinnen und der Autor laden alle Lesenden ein, sich selbst an der Umsetzung eigener hörbarer Inhalte zu versuchen und freuen sich über Erfahrungsberichte aus der Praxis und Austausch über weitere Ideen.

Lars Bernstein

Ernst-Barlach-Schulen München

Fachlehrkraft

ehemaliger MA Mediablis

lars.bernstein@pfennigparade.de

Alena Bilek

Sehbehinderten- und Blindenzentrum, Unterschleißheim

ehemalige päd. Beratung bei Mediablis

alena.bilek@sbz.de

Saskia Welty

Mitarbeiterin Mediablis, München

saskia.welty@mediablis-bayern.de