Imke Wißmann, Frank Laemers

Bericht über die Tagung der AG Inklusion „Wie sie wurden, was sie sind“ vom 15. bis 17. November 2024 in Weilburg

Imke Wißmann, Frank Laemers

Tiefgreifende Mobbingerfahrungen, das Jugendamt möchte nach augenärztlichem Gutachten entscheiden, ob eine sehbeeinträchtigte Frau Mutter werden kann, das Prüfungsamt findet es selbstverständlich, dass eine erwachsene Frau von ihren Eltern zur Examensprüfung gefahren wird, oder ein Jugendlicher wird mit der Haltung konfrontiert, dass Sehbeeinträchtigung mit mangelnder Intelligenz einhergehen muss: Es sind zum Teil erschreckende Erfahrungen, an denen uns die erwachsenen Menschen mit Sehbeeinträchtigung und Blindheit teilhaben lassen. Auf der Tagung der AG Inklusion in schulischen Kontexten vom 15. bis 17. November 2024 haben uns unter dem Titel „Wie sie wurden, was sie sind“ sechs Menschen an ihren Lebensgeschichten teilhaben lassen und uns Einblick gegeben in ihre Erfahrungen auf ihrem schulischen, beruflichen und persönlichen Werdegang. Dies bildete den Rahmen für eine spannende Tagung, die außerdem durch weitere interessante Vorträge und Workshops bereichert wurde.

Am Freitagabend stellte uns Dr. Wiebke Gewinn unter dem Titel „Mission Impossible“ die Forschungsergebnisse ihrer Dissertation vor. In qualitativen Interviews hatte sie festgestellt, dass Förderplanung und Unterricht nicht gut miteinander verzahnt sind und bei den Lehrkräften mit dem Förderschwerpunkt Sehen nicht immer Rollenklarheit zu ihrem Aufgabenfeld in der Inklusion besteht. Sie sieht die großen Herausforderungen in der Verzahnung des Spezifischen Curriculums und dem der Regelschule. Eine individuelle Bildungsplanung orientiert sich an den Bedürfnissen der oder des Lernenden und passt das Geschehen im Raum diesen an. Als Ausblick formuliert Wiebke Gewinn eine Neuaufsetzung der Förderplanung hin zu Orientierung an der ICF und den Grundlagen von Universal Design zur Erarbeitung passgenauer Verfahren und Abläufe zur spezifischen Unterstützung Lernender mit Beeinträchtigung (des Sehens und Blindheit). Daraus folgen auch notwendige Veränderungen in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften hin zu gleichmäßiger Gewichtung von Unterrichtstätigkeit und Beratungstätigkeit.

Am Samstagvormittag referierte Prof. Dr. Christian Walter-Klose unter dem Titel „Ohne geht’s nicht“ über Beratung und ihre Bedeutung für die schulische Inklusion.

Zu Beginn beleuchtete er die Voraussetzungen für gelungene Inklusion und stellte heraus, dass Kooperation und Beratung dabei eine zentrale Rolle spielen. Anschließend thematisierte er verschiedene Beratungssituationen in schulischen Kontexten. Besonders in inklusiven Settings, so betonte er, sei spezifisches sonderpädagogisches Fachwissen unerlässlich und werde entsprechend erwartet.

Daraufhin stellte Prof. Walter-Klose ein selbst entwickeltes Prozessmodell der Beratung vor, das die Komplexität dieses Themas verdeutlichte. Das Modell bietet zahlreiche Ansätze, um Beratungsprozesse erfolgreich zu gestalten.

Zum Schluss wurden die Herausforderungen der Beratung noch mal auf den sonderpädagogischen Schwerpunkt Sehen auf vier Ebenen heruntergebrochen: die Beratungsangebote, die Ratsuchenden, die Beraterinnen und Berater sowie die Beziehung.

Der Vortrag endete mit folgendem Zitat des Referenten: „Beratung ist eine Kunst – nehmen Sie sich Zeit und bleiben Sie dran – und helfen Sie, gute Geschichten zu schreiben.“

Alina Borowy, die als blinde Schülerin ihre gesamte Schulzeit in der Regelschule verbracht hat, berichtete gemeinsam mit ihrer damaligen beratenden Lehrkraft, Imke Wißmann, über ihre Erfahrungen „Allein in der Schule unter Sehenden“. Bei manchen Aktivitäten außen vor zu bleiben, um die Anerkennung der anderen Kinder zu kämpfen oder immer wieder zusätzliche Lerninhalte erarbeiten zu müssen, gehörte zu Alina Borowys Alltag und machte sie auch manchmal einsam. Unterstützt durch das Landesförderzentrum Sehen in Schleswig (LFS) lernte sie jedoch, auch allein Aufgaben zu bewältigen. So berichtete sie zum Beispiel von ihrer ersten Bahnanreise allein nach Schleswig, bei der Imke Wißmann sie unterstützte. Auch die besuchten Kurse am LFS führten zu mehr Selbstsicherheit, z. B. das Theaterspiel. Mit zunehmendem Alter lernte Alina Borowy, für ihre Bedarfe bei den Lehrkräften selbst einzustehen. Von dieser Fertigkeit konnte sie während ihres Jurastudiums als einzige blinde Studierende profitieren.

Am Nachmittag gab Nikolaos Rizidis Einblick in seinen schulischen und beruflichen Werdegang, der geprägt war von einer juvenilen Makuladegeneration, die mittlerweile zur Erblindung geführt hat. Seine schulische Laufbahn begann in der Regelschule, wo er durch den Sehverlust zunehmend auf die Nutzung von Hilfsmitteln und Unterstützung angewiesen war. Sein Bericht über fehlendes Vertrauen aus dem schulischen Umfeld in seine Fähigkeiten sowie Erlebnisse von Mobbing und Ausgrenzung hinterließ Spuren bei den Zuhörenden. Umso beeindruckender war die Schilderung seines weiteren Lebensweges: Er hat mittlerweile ein Studium in Sozialer Arbeit abgeschlossen, nachdem er sein Abitur an einer Blindenschule gemacht hat. Nach zwei Jahren, in denen er sich vergeblich beworben hat und immer wieder aufgrund seiner Blindheit abgelehnt wurde, hat er schließlich eine erfüllende Arbeit gefunden. Er machte deutlich, wie wichtig es ist, Menschen, die wenig Berührung mit Behinderung haben, darüber aufzuklären – insbesondere junge Menschen. Heute betreibt er deshalb gemeinsam mit seiner Frau einen erfolgreichen Instagram-Kanal und versucht, auch z. B. im Kinderfernsehen über Barrierefreiheit und die Welt blinder Menschen aufzuklären.

Anschließend teilten sich die Teilnehmenden zu einer ersten Seminar-Runde auf:

Anke Spiegel-Vogelsang und Ines Körner aus Würzburg widmeten sich dem wichtigen Übergang von der Schule ins Berufsleben. Unter dem Titel „‚Sturzprophylaxe‘ – den Übergang von Schule zu Beruf frühzeitig bedenken“ verdeutlichten sie, dass in dieser Phase entscheidende Weichen für die Zukunft gestellt werden.

Dabei betonten sie, wie wichtig ein individuell abgestimmtes Vorgehen ist, das die persönlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten – gerade auch in Bezug auf die Sehbeeinträchtigung – der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt. Gemeinsam mit den Teilnehmenden erarbeiteten sie zentrale Aspekte für einen erfolgreichen Übergang und zeigten auf, wie mögliche „Stürze“ vermieden werden können.

Unter dem Titel „Und ich mach mein Ding …“ gab Jan Seikrit aus Düsseldorf einen persönlichen Einblick in seine schulische Laufbahn, die nicht immer geradlinig verlief. Er berichtete von seinen Erfahrungen an Förderschulen für Sehen sowie an inklusiven Schulen.

Weitere Themen waren die verschiedenen Hilfsmittel, die ihm das Lernen und Leben – sowohl in der Schule als auch im Alltag und während seines dualen Studiums der Sozialen Arbeit – erleichtert, aber manchmal auch erschwert haben.

Offen und authentisch beantwortete Jan Seikrit die Fragen der Teilnehmenden und sprach über seinen Umgang mit der eigenen Sehbeeinträchtigung in unterschiedlichen sozialen Situationen.

Nigg Ahrens aus Kiel war mit 15 Jahren der jüngste Referent der Tagung. In seinem Seminar sprach er über das Thema „Hilfsmittelnutzung für blinde Schülerinnen und Schüler“.

Als selbst erfahrener Nutzer – er besucht die 9. Klasse eines Gymnasiums in Kiel – teilte er seine persönlichen Erfahrungen mit Screenreadern wie Jaws und NVDA sowie mit verschiedenen Braillezeilen.

Die Teilnehmenden nutzten die Gelegenheit, sich einen Überblick über die Technologien zu verschaffen und diskutierten mit dem Referenten auch spezifische technische Fragen.

Katrin Blum und Janina Philippson aus NRW stellten das Konzept „ECC Grundlegende Kompetenzen für den Förderschwerpunkt Sehen NRW“ vor, welches in ihrem Bundesland entwickelt wurde. Das umfangreiche Werk orientiert sich in der Zusammenstellung am amerikanischen „Expanded Core Curriculum“ und bildet dessen Kompetenzbereiche in der deutschsprachigen Zusammenstellung ab. Die Referentinnen erläuterten, wie sie diese als Grundlage für ihre Förderplanarbeit und in ihrer Unterrichtspraxis nutzen. Anschließend wurden die Chancen des Konzepts im Plenum erläutert und diskutiert. Das Konzept steht über die ISaR-Seite zum Download zur Verfügung.

Im Workshop „Wer bin ich und warum bin ich hier?“ skizzierte Imke Wißmann die inklusive Beschulung eines Schülers oder einer Schülerin mit dem Förderschwerpunkt Sehen als Weg, für den gute Vorbereitungen notwendig sind, auf dem verschiedene Hindernisse zu bewältigen sind und der in der Unterstützung und Beratung immer wieder Anpassungen der eigenen Rolle erforderlich macht.

Gemeinsam mit den Teilnehmenden wurde darüber diskutiert, wie Haltungen und unterschiedliche Blickwinkel die Kommunikation mit Kooperationspartnerinnen und -partnern verändern können.

Beim abendlichen Podiumsgespräch stellten sich nicht nur Alina Borowy und Jan Seikrit den Fragen von Frank Laemers, sondern es wurde auch Justus Hein online zugeschaltet, der das Studium Individuale in Lüneburg absolviert und aktuell ein Auslandssemester in Alicante verbringt. Themen waren z. B. ihr Studium, Fragen zur eigenständigen Lebensführung und zur Mobilität.

Die Erfahrungen im Studium zum Erhalt barrierefreier Arbeitsmaterialien waren sehr unterschiedlich. Während Justus Hein in Lüneburg die Erfahrung macht, dass er immer wieder nach barrierefreien Materialien fragen muss, erlebt er diesbezüglich in Alicante eine viel größere Selbstverständlichkeit. Alina Borowy hatte während ihres Studiums die Unterstützung durch Assistenzkräfte, die ihr Arbeitsmaterialien zugänglich machten. Das Aushandeln fairer Prüfungsbedingungen stellte sich allerdings als extrem schwierig heraus.

Alle drei leben selbstständig: Jan Seikrit teilte sich anfangs mit seiner Schwester eine WG und die dort anfallenden häuslichen Pflichten und wohnt danach allein. Alina Borowy lebt allein in einer Wohnung und berichtete z. B., dass sie ihre Einkäufe über eine App vorbestellt, um sie dann abzuholen. Justus Hein ist in Alicante in ein Wohnheim gezogen, in dem er auf viele junge Menschen gestoßen ist, die ihm sehr offen begegnen und im Zweifelsfall Hilfe anbieten. Die ersten eigenständigen Kocherfahrungen haben ihm gezeigt, dass er noch einige Tricks in lebenspraktischen Fertigkeiten erlernen möchte.

Alle drei sind in ihrem Alltag sehr eigenständig unterwegs. Aufgrund seiner visuellen Möglichkeiten kann Jan Seikrit sich neue Umgebungen eigenständig erschließen. Alina Borowy hat einen Blindenführhund und skizzierte den Weg zur Beantragung eines solchen. Justus Hein erzählte, dass er vor seinem Start in der neuen Umgebung in Alicante mit seinem Vater eine Reise dorthin unternommen hat, um sich die Wege zu erschließen. Voller Begeisterung berichtete er zudem von seinem „Zauberstab“, dem Langstock, der dafür sorgen würde, dass störende Personen aus dem Weg gingen und die richtigen zu ihm kämen, um ihm Hilfe anzu­bieten.

Bianca Werske arbeitet heute als Lehrerin an der Focus-Schule in Gelsenkirchen. Sie ist verheiratet und Mutter von Zwillingen. Welche zusätzlichen Hürden sie aufgrund einer fortschreitenden Augenerkrankung bis zu diesen Lebensumständen überwinden musste, schilderte sie am Sonntagvormittag unter dem Titel „Leben, Lieben, Lernen mit Makuladegeneration“. Im Anschluss an ihren ersten Schulabschluss durchlief sie eine Ausbildung. Das anschließend angetretene Beschäftigungsverhältnis war unkompliziert während der drei Jahre, in denen der Betrieb auf Förderung vom Arbeitsamt zurückgreifen konnte, danach wurde es für Bianca Werske zunehmend problematisch. Daher ging sie ging erneut zur Schule, absolvierte schließlich mit 35 Jahren ihr Abitur und eröffnete sich somit den Zugang zum Lehramtsstudium. Privat wuchs bei ihr der Wunsch, mit ihrem Partner ein Kind zu adoptieren, stieß jedoch auf ein Jugendamt, welches ihr aufgrund ihrer – mittlerweile – gesetzlichen Blindheit die Eignung als Mutter nicht aussprechen wollte, ohne dass sie ein entsprechendes Attest vom Augenarzt vorlegen könne. Sie entschied sich deshalb doch für eine Schwangerschaft und ist dadurch Mutter von Zwillingen. Sie beschrieb in ihrem Vortrag eindrucksvoll, wie sie durch den voranschreitenden Seh­verlust immer wieder neue Wege einschlagen musste, auf Vorurteile und Widerstände stieß und zeigte gleichzeitig auf, wie sie mithilfe von guten Hilfsmitteln und Durchhaltewillen viele Ziele im Leben erreicht hat.

Das schulische System hat für die verschiedenen betroffenen Menschen eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Einige sind gut in der inklusiven Beschulung zurechtgekommen, andere haben in einer Blindenschule die notwendige Unterstützung gefunden. Die größte Herausforderung für sie alle blieb und bleibt, Teil einer Gesellschaft zu sein, die wenig oder gar nicht auf Menschen mit Beeinträchtigung eingestellt ist und ihnen dadurch viele Hindernisse in den Weg stellt. Doch sind sie immer wieder Menschen begegnet, die an sie geglaubt haben. Das Fazit von Bianca Werske ist somit sehr passend: „Es braucht viel Mut, Kraft und Durchhaltewillen, aber es lohnt sich.“

Unser Dank gilt allen Referierenden, die zum Teil sehr persönliche Einblicke in ihr Leben gewährt haben. Diese Tagung war für alle Beteiligten etwas Besonderes.

Portrait: Imke Wißman

Imke Wißmann

Landesförderzentrum Sehen,
Schleswig

imke.wissmann@vbs.eu

Portrait: Frank Laemers

Frank Laemers

PH Heidelberg

frank.laemers@vbs.eu