Wissen vermitteln können wir. Wie lehren wir Zukunft?

Prof. Dr. Ulf-Daniel Ehlers spricht gestikulierend vor einem Publikum. Links steht sein Zitat: „Wissen wird nicht unwichtiger. Aber Wissen allein reicht nicht mehr aus.“

Den Klimawandel begrenzen. Mit künstlicher Intelligenz verantwortlich umgehen. Eine demokratische Gesellschaft zusammenhalten. Die Aufgaben unserer Zeit sind groß. Sie reichen bis in die Klassenzimmer, Seminarräume und Hörsäle. Denn hier lernen die Menschen, die an diesen Aufgaben arbeiten werden.

Was geben wir ihnen dafür mit? Wie lernen sie, schwierige Fragen zu durchdringen, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und aus guten Ideen tragfähige Lösungen zu machen? Wie gewinnen sie das Wissen, die Urteilskraft und das Zutrauen, selbst etwas bewegen zu können?

Um diese Fragen geht es in „Zukunft lehren“. Ulf-Daniel Ehlers, Professor für Bildungsmanagement und Lebenslanges Lernen an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, richtet den Blick auf eine zentrale Aufgabe von Bildung: Menschen zu befähigen, eine Welt mitzugestalten, deren Entwicklung offen ist. Das beginnt mitten im Fach. Bei dem, was Menschen verstehen lernen. Bei den Fragen, die sie stellen. Und bei den Erfahrungen, die sie im Umgang mit ihrem Wissen machen.

Die großen Fragen führen mitten ins Wissen

Wer beispielsweise eine Stadt klimafreundlicher gestalten möchte, muss Zusammenhänge zwischen Energie, Verkehr, Wohnen und Ressourcen verstehen. In der Arbeit an konkreten Lösungen begegnen ihm unterschiedliche Interessen, begrenzte Mittel und Entscheidungen, deren Folgen sorgfältig abgewogen werden müssen. Fachliche Erkenntnisse, praktische Erfahrungen, Zusammenarbeit und Wertvorstellungen greifen dabei ineinander.
Genau diesen Zusammenhang nimmt Ehlers mit dem Begriff Future Skills in den Blick. Gemeint sind Kompetenzen, in denen Wissen, Fähigkeiten, Erfahrungen, Haltungen und Werte zusammenwirken. Sie ermöglichen Menschen, sich auch in ungewohnten Situationen zu orientieren und verantwortlich zu handeln.
Für die Lehre ist daran besonders interessant: Dieses Zusammenspiel lässt sich bereits im Lernen entwickeln. Wer eine schwierige Frage untersucht, erschließt sich Wissen. Wer verschiedene Lösungswege prüft, vertieft sein Verständnis. Wer ein Urteil begründet, muss sich über die eigenen Maßstäbe klar werden.
So können fachliche Tiefe und Gestaltungskraft miteinander wachsen. Wissen eröffnet Möglichkeiten, die zuvor unsichtbar waren. Die Auseinandersetzung mit einer Aufgabe zeigt wiederum, was man genauer verstehen muss.
Die Frage an gute Lehre lautet deshalb: Wie gestalten wir Lernen so, dass Menschen diese Verbindung erfahren?

Zukunft beginnt in der nächsten Lehrveranstaltung

Für Lehrende mag das zunächst nach einer weiteren großen Erwartung klingen. Die Curricula sind voll, die Zeit ist knapp, die Anforderungen wachsen. Wo soll der Raum dafür entstehen?
Ein erster Schritt liegt darin, die eigene Lehre genauer anzusehen. Vieles ist bereits vorhanden: Aufgaben, bei denen Lernende gemeinsam nach Lösungen suchen. Diskussionen, in denen sie Positionen begründen. Projekte, in denen sie Entscheidungen treffen und deren Folgen erleben.
Ehlers knüpft an diese Praxis an. Sein Konzept der Future Skills Literacy beschreibt die Fähigkeit von Lehrenden, solche Lerngelegenheiten zu erkennen, bewusst zu gestalten und weiterzuentwickeln.
Das wird konkret, sobald man eine einzelne Aufgabe betrachtet. Welche Denkarbeit verlangt sie? Welche Entscheidungen treffen die Lernenden selbst? Müssen sie unterschiedliche Sichtweisen berücksichtigen? Können sie nachvollziehen, weshalb eine Lösung überzeugt – und unter welchen Bedingungen sie an ihre Grenzen stößt?
Dabei zählt die didaktische Gestaltung. Eine anspruchsvolle Frage kann eine gründliche fachliche Einführung erfordern. Eine gemeinsame Aufgabe braucht möglicherweise klare Rollen. Eine eigenständige Entscheidung braucht Rückmeldung und Zeit zur Reflexion. Erklären, Üben, Erkunden und Ausprobieren erhalten ihren Platz in einem Lernprozess, der fachliches Verstehen und selbstständiges Handeln verbindet.

Was passiert, wenn Lernende die Fragen stellen?

Ein Beispiel aus Ehlers’ Hochschullehre macht diesen Gedanken anschaulich. Beim „My Curriculum Approach“ gestalten Studierende ihren Bildungsweg stärker mit. Sie entwickeln eigene Interessen und Fragen, denen sie im Studium nachgehen möchten. Lehrende begleiten sie dabei.
Der Gedanke lässt sich auch auf eine einzelne Veranstaltung übertragen. Zu einem vorgegebenen Thema könnten Studierende zunächst formulieren, was sie herausfinden möchten. Anschließend prüfen sie gemeinsam: Welche Fragen sind fachlich ergiebig? Welches Wissen brauchen wir? Mit welchen Methoden können wir zu belastbaren Antworten kommen?
Schon darin steckt ein anspruchsvoller Lernprozess. Eine gute Frage zu stellen verlangt Aufmerksamkeit und fachliches Verständnis. Ihr nachzugehen erfordert Ausdauer, methodische Sorgfalt und die Bereitschaft, eigene Annahmen zu überprüfen.
Die Lehrenden bleiben dabei entscheidend. Ihre Expertise hilft, Fragen zu schärfen, Zusammenhänge zu erkennen und Ergebnisse einzuordnen. Sie geben Orientierung in einem Prozess, dessen Verlauf sich schrittweise entwickelt.
Auch die Verantwortung für das eigene Lernen will gelernt sein. Wer bislang vor allem klar vorgegebene Aufgaben bearbeitet hat, kann offene Lernwege zunächst als verunsichernd erleben. Zutrauen entsteht durch bewältigbare Schritte, verlässliche Begleitung und die Erfahrung, mit dem eigenen Denken weiterzukommen.
Darin liegt eine wichtige Bildungserfahrung: Ich kann mir etwas erschließen. Ich kann mein Urteil überprüfen. Ich kann gemeinsam mit anderen an einer Frage arbeiten, deren Antwort noch offen ist.

Mut braucht Verbündete

Solche Lernprozesse entstehen unter realen Bedingungen. Stundenpläne geben Takte vor, Prüfungsordnungen setzen Anforderungen, Zeit und Ressourcen begrenzen die Möglichkeiten. Ehlers nennt im Gespräch etwa den 45-Minuten-Rhythmus und eng getaktete Fächerstrukturen.
Die Weiterentwicklung von Lehre ist deshalb auch eine institutionelle Aufgabe. Sie braucht passende Rahmenbedingungen und Menschen, die Veränderungen gemeinsam tragen.
Zugleich lohnt sich ein genauer Blick auf den eigenen Spielraum. Was ist tatsächlich vorgeschrieben? Was hat sich als Gewohnheit eingespielt? Wo lässt sich eine Idee bereits erproben?
Ehlers ermutigt dazu, hier gelegentlich auch ein wenig „subversiv“ zu sein: Routinen zu hinterfragen und pädagogisch begründet etwas anders zu machen. Besonders wichtig ist ihm, dabei Verbündete zu finden. Kolleg können Ideen weiterdenken, Erfahrungen teilen und helfen, Schwierigkeiten zu bewältigen.
„Mut, Vernetzung und Initiative sind im Grunde genommen die wichtigsten Zutaten“, fasst er zusammen.

Der erste Schritt darf klein sein

„Zukunft lehren“ verbindet Erfahrungen aus Schulen, Hochschulen und der beruflichen Bildung mit bildungswissenschaftlicher Forschung. Daraus entstehen konkrete Anregungen: Selbstchecks zur eigenen Haltung, praktische Übungen – sogenannte Futureventions – und ein 60-Minuten-Leitfaden für die Planung der Lehre.
Eine dieser Übungen heißt „From Vision to First Step“. Sie setzt bei einer Veränderung an, die man schon länger verwirklichen möchte. Was steht ihr im Weg? Welche Bedingungen lassen sich beeinflussen? Wo könnte ein Anfang gelingen?
Vielleicht ist es eine Aufgabe, in der Lernende selbst eine Entscheidung treffen und begründen. Vielleicht eine fachliche Frage, der sie gemeinsam nachgehen. Vielleicht ein Moment, in dem sie untersuchen, was ihre Erkenntnisse für ein konkretes Problem bedeuten.
Die großen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht in einer Unterrichtsstunde lösen. Doch in einer Unterrichtsstunde kann jemand beginnen, sie zu verstehen – und sich selbst als einen Menschen zu erleben, der zu ihrer Lösung beitragen kann.
Ehlers gibt seinen Leser dafür eine Frage mit: „Was wäre der kleinste verantwortbare Anfang, durch den diese Vision in der Praxis sichtbar werden könnte?“

Das vollständige Gespräch mit Ulf-Daniel Ehlers
Wie lernen Menschen, die Zukunft mitzugestalten? Wie wirken Wissen, Fähigkeiten und Haltungen dabei zusammen? Und was können Lehrende schon heute in Bewegung bringen?
Im rund 25-minütigen wbv Spotlight spricht Prof. Dr. Ulf-Daniel Ehlers über diese Fragen, seine Erfahrungen aus der Hochschullehre und die Entstehung von „Zukunft lehren“.

geschrieben am 27.10.2026 von wbv Publikation

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Schlagworte: Wissenschaft

wbv Spotlight: Interview mit Prof. Dr. Ulf-Daniel Ehlers

Warum gute Lehre heute Future Skills braucht

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Warum brauchen Studierende heute mehr als Fachwissen? Welche Kompetenzen werden in einer sich ständig verändernden Welt immer wichtiger? Und was bedeutet das für gute Lehre?

Im wbv Spotlight spricht Prof. Dr. Ulf-Daniel Ehlers über die Bedeutung von Future Skills in der Hochschullehre. Im Gespräch geht es um die Frage, welche Kompetenzen Menschen benötigen, um Zukunft aktiv mitzugestalten, und wie Hochschulen Lehre neu denken können, um Studierende auf eine zunehmend komplexe und dynamische Welt vorzubereiten.