Viele wissenschaftliche Publikationen sind digital verfügbar, Open-Access-Titel sogar frei zugänglich. Für eine Tagung würden uns also streng genommen Laptop und Monitor reichen. Trotzdem packen wir Bücherkisten und fahren mit ihnen quer durch die Republik. Ein vermeintlicher Widerspruch – und ein guter Anlass, über wissenschaftliche Sichtbarkeit nachzudenken.
Im Herbst ist unser Veranstaltungsraum in Bielefeld selten lange aufgeräumt. Bücher kommen aus dem Lager, Kartons stehen bereit, Roll-ups warten auf ihren nächsten Einsatz. Eine Tagung ist gerade vorbei, die nächste schon in Vorbereitung. Manchmal findet die Übergabe sogar auf dem Parkplatz statt, weil die Taktung so eng ist.
Bevor allerdings das erste Buch in einer Kiste landet, sind bereits viele Entscheidungen gefallen. Eine davon schon beim Angebot für ein Publikationsprojekt: Wird es neben der digitalen Ausgabe auch eine physische Auflage geben?
Auch bei Open Access lautet die Antwort bei uns in der Regel: ja. So gibt es später überhaupt ein Buch, das wir überreichen, präsentieren – und auf Reisen schicken können.
Wohin die Reise geht, wird sorgfältig überlegt. Die Liste der Tagungen und Kongresse, die für unsere Programmbereiche interessant sind, ist lang.
Also schauen wir genau hin: Welche Fachcommunity kommt zusammen? Was ist das Thema der Veranstaltung? Welche Fragen stehen im Programm? Wer wird vor Ort sein? Wo treffen wir Autor:innen und Herausgebende, mit denen wir zusammenarbeiten oder ins Gespräch kommen möchten?
Und dann kommt die Packliste.
Zwischen 1,80 Meter und Fachdiskurs
So eine Packliste bewegt sich zwischen sehr unterschiedlichen Welten.
Da sind zunächst die praktischen Fragen. Wie groß ist der Büchertisch? Wie viele Titel passen zum Beispiel auf 1,80 Meter, ohne dass es eng wird? Wie viele Exemplare nehmen wir mit?
Gleichzeitig geht es um Inhalte. Welche Themen werden in der Fachcommunity gerade diskutiert? Was ist das Motto der Tagung? Welche Neuerscheinungen passen dazu? Und gibt es einen älteren Titel, der angesichts des Programms gerade wieder besonders interessant ist?
Es wird ergänzt, gestrichen und umsortiert. Am Ende steht eine Auswahl, die genau für diese Veranstaltung gedacht ist.
Ein paar Tage später stehen die Bücher viele Kilometer von Bielefeld entfernt auf einem Büchertisch.
Nichts ist zufällig. Und trotzdem gibt es Überraschungen.
Welche Bücher dort liegen, ist also kein Zufall. Und auch für vieles, was rund um den Büchertisch passiert, gibt es einen Plan. Manche Veranstaltungen bieten den passenden Rahmen, um eine Neuerscheinung vorzustellen. Besonders schön ist es, wenn wir Autor:innen ihr gerade erschienenes Buch persönlich überreichen können. Bei einem „Meet the Editor“ kommen Herausgebende einer Zeitschrift mit ihrer Fachcommunity ins Gespräch, bei einer Posterpreisverleihung rückt aktuelle wissenschaftliche Arbeit in den Mittelpunkt.
Bücher lassen sich auswählen, Anlässe vorbereiten und Gespräche verabreden. Was daraus entsteht, lässt sich nicht vorhersehen.
Das gilt vor allem für die Begegnungen vor Ort.
Wir sehen Autor:innen und Herausgebende wieder, mit denen wir über Monate an einer Publikation gearbeitet haben. Ein Buch, über dessen Manuskript, Satz oder Cover viele Mails ausgetauscht wurden, liegt plötzlich fertig zwischen uns auf dem Tisch. Wir sprechen über laufende Projekte, über Vorträge und Diskussionen der Tagung, über neue Themen und Ideen.
Manche dieser Gespräche sind verabredet, andere ergeben sich spontan. Denn wissenschaftliches Publizieren lebt von der Zusammenarbeit mit Menschen – und davon, die Fachcommunities zu kennen, in denen Forschung entsteht und diskutiert wird.
Auch das ist Sichtbarkeit.
Was wieder mit nach Bielefeld kommt
Irgendwann ist jede Tagung vorbei. Die Roll-ups verschwinden in den Taschen, Bücher werden wieder eingepackt, die Kisten treten die Rückreise an.
Mit ihnen kommen Gespräche und Eindrücke zurück. Ein Thema, das uns mehrfach begegnet ist. Ein neuer Kontakt. Eine Idee, die weitergedacht werden will. Oft auch der erste Gedanke für ein neues Publikationsprojekt.
Was wir zu einer Tagung mitnehmen, lässt sich in Kisten packen. Was wir von dort mitbringen, meistens nicht.
Und während die eine Kiste ausgepackt wird, steht die nächste oft schon bereit.