Kulturelle BildungPreisverleihung 2014

Ungewöhnliche Zugänge zur Kultur

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V. (DIE) hat in einer feierlichen Preisverleihung am 1. Dezember 2014 in Bonn die Preisträger des diesjährigen Innovationspreises zum Thema „Kulturelle Bildung“ ausgezeichnet.

„Viele der eingereichten Projekte sind im allerbesten Sinne innovative Konzepte“, lobt Jury-Mitglied Professor Richard Stang „und eröffnen ungewöhnliche Zugänge zur Kultur, die jedem Teilnehmer andere Lernerfahrung ermöglichen. Sie machen die kulturelle Vielfalt und die unterschiedlichen Zugänge dazu deutlich.“

Preisträger 2014

HörpfadeBayerische Regionen sprechen für sich

Erster Preisträger ist das Projekt „Hörpfade“, in dem Kursteilnehmende in bayerischen Volkshochschulen persönliche Audioguides über die Region, in der sie leben, produzieren und so eine klingende Landkarte Bayerns auf entstehen lassen. Die Audioguides machen die Vielfalt regionaler Geschichte, Kunst und Kultur erlebbar. Die Kursleitenden werden von Journalist/innen und Mediencoaches des Bayerischen Rundfunks (BR) professionell geschult, gleichzeitig unterstützt der BR das Projekt medial.

Audioguides von Bürgern für Bürger

Was ist das Besondere an meiner Region? Was zeichnet den Ort aus, an dem ich lebe? Was macht unsere Heimat so unverwechselbar? In Kursen bayerischer Volkshochschulen produzieren Menschen ganz persönliche Audioguides über die Region, in der sie leben. Sie verfassen Texte, führen Interviews mit Zeitzeugen und Experten, inszenieren Hörspielszenen und produzieren Reportagen, in denen sie Bauwerke beschreiben und Naturgeräusche aufnehmen. Sie sprechen und schneiden ihre Beiträge und publizieren diese auf Websites sowie der klingenden Landkarte hoerpfade.de. So entstehen individuelle Hörpfade durch den Ort, die die Vielfalt regionaler Geschichte, Kunst und Kultur erlebbar machen.

Professionelle Unterstützung

Die Kursleiter werden von Journalisten des Bayerischen Rundfunks zuvor intensiv darin geschult. Sie lernen, wie man Themen recherchiert, welche akustischen Gestaltungsmittel es gibt, um Fakten informativ, unterhaltsam und spannend zu vermitteln und wie man dazu texten muss. Sie erlernen den Umgang mit dem Mikrofon, üben das Sprechen von Texten und das Schneiden von Audios am Laptop. Das neu erworbene Basis-Fachwissen geben sie anschließend an ihre Kursteilnehmer weiter und geben Tipps für Recherchen, Interviews, Reportagen und Hörspielen. Ergänzend können sie Mediencoaches des Bayerischen Rundfunks zur Unterstützung anfordern.
Diese helfen dabei, eine passende Gestaltungsform für die Beiträge zu finden, geben Tipps für das Abfassen der Skripte, unterstützen beim Audioschnitt und bei einer ansprechenden stimmlichen Gestaltung.

Präsentation der Hörpfade und Webpräsenz

Zum Abschluss des Kurses präsentieren die Volkshochschulen die entstandenen Audios mit einer feierlichen Veranstaltung der Öffentlichkeit. Außerdem können alle entstandenen Hörpfade im Netz nachgehört werden: Unter hoerpfade.de wächst eine „klingende Landkarte“ Bayerns, auf der Einwohner der Gemeinden und Besucher alle gelungenen Audios abrufen können. Derzeit wird eine Software programmiert, mit der die Kursteilnehmer ihre Audios künftig selbst in diese Landkarte einstellen und mit einleitenden Texten und Fotos ergänzen können. Freigeschaltet werden sie nach der Abnahme durch Experten der Stiftung Zuhören und des Bayerischen Rundfunks. Auch die Volkshochschulen selbst und viele Gemeinden präsentieren auf ihren Websites die Hörpfade durch ihren Ort.

Medial begleitet der Bayerische Rundfunk das Projekt: Das Programm Bayern 1 berichtet immer wieder über neu entstandene Hörpfade und das Programm Bayern Plus widmete dem Projekt im September 2014 eine ganze Serie: Eine Woche lang wurden ausgewählte Audios gesendet. Auch bei der Auftaktveranstaltung und bei der Abschlusspräsentation der fertigen Hörpfade in der vhs vor Ort ist in der Regel ein Journalist des Bayerischen Rundfunks präsent und fungiert somit quasi als „Pate“ des jeweiligen Projekts.

Ansprechpartner

Ein Projekt des Bayerischen Volkshochschulverbands e.V., des Bayerischen Rundfunks und der Stiftung Zuhören.

hoerpfade.de

Der „Ich-kann-nicht-singen-Chor“der Urania Berlin

Auch um das Hören geht es beim „Ich-kann-nicht-singen-Chor“ der Urania Berlin e.V., der mit dem Vorurteil aufräumen will, dass die meisten Menschen nicht singen können. Das Bildungsangebot lädt alle ein, die sich bisher nicht getraut haben mit anderen zusammen zu singen. Die Chormitglieder produzieren erstaunliche Hörerlebnisse, ohne dass eine einzige Note dabei gelesen wird!

Singen befreit von den Lasten des Alltags, beflügelt Seele und Sinne und stärkt das Immunsystem. Alle, die singen, machen diese Erfahrungen – und die Wissenschaft bestätigt sie. Und: Singen ist Kult!

Inzwischen hat auch er nahezu Kultcharakter: Der „Ich-kann-nichtsingen-Chor“ wurde 2011 in Berlin ins Leben gerufen und entwickelte sich fortan zu einem regelmäßig wiederkehrenden Erfolgsformat. Seit 2012 treffen sich einmal im Monat etwa 100 Menschen in der Urania Berlin und setzen dabei den „Ich-kann-nicht-singen-Chor“ jedes Mal neu zusammen. Die Veranstaltung wird geleitet von Michael Betzner-Brandt und seinem Team. Das Team besteht aus zwei weiteren geschulten Sängern, die zum Beispiel einzelne Gruppen anleiten und ihnen vorsingen oder einzelne Strophen solistisch singen, während der große Chor sie als Backgroundchor unterstützt. Der Chor wird live am E-Piano begleitet.

Michael Betzner-Brandt, Dozent an der Universität der Künste Berlin, lädt alle zum offenen Singen ein, die schon immer im Chor singen wollten, aber bisher nicht zu singen wagten. Jeder, der singen will, ist willkommen, denn jeder, der sprechen kann, kann auch singen: aus dieser Erkenntnis lässt sich ein Chor formieren und mit dem Vorurteil aufräumen, viele Menschen könnten nicht singen. Dabei wird keine einzige Note gelesen.

Die methodische Idee lässt sich kurz zusammenfassen mit „Kommense rein, könnense rausgucken“. Also: Hören Sie rein in ihren Körper und erleben Sie die Stimmungen, Emotionen und ihr Körpergefühl, das durch gesungene Töne, durch Vibrationen und Resonanz buchstäblich spürbar wird. Auf dieser Grundlage kann man dann „raus“ gehen, also (musikalisch) Kontakt zu anderen aufnehmen, sich mitteilen, zuhören, singen und antworten, gemeinsam Stimmspiele, Lieder und Songs gestalten.

Ansprechpartner

chorkreativ.de

Kleine Welt – große WeltInternationale Kunstsymposien der Volkshochschule Arnstadt-Ilmenau

Die Volkshochschule Arnstadt-Ilmenau hingegen widmet sich auf ihren jährlichen internationalen Kunstsymposien der bildenden Kunst, die einen dauerhaften Platz am Kunstwanderweg Kleinbreitenbach finden. Ein  Angebot der kulturellen Bildung, das alle Bevölkerungsgruppen der Region einlädt und integriert.

Seit 1997 organisiert die Volkshochschule Arnstadt-Ilmenau im Dorf Kleinbreitenbach einwöchige Kunstsymposien, zu denen jeweils fünf bis sechs internationale bildende Künstler eingeladen werden.

Bisher waren Künstler aus 20 Nationen zu Gast. Sie schaffen zu einem festgelegten Thema Kunstwerke, die ihren dauerhaften Platz am Kunstwanderweg Kleinbreitenbach finden. Inzwischen sind dort auf dem zwei Kilometer langen Weg 64 große Kunstwerke zu sehen.

Parallel zum Schaffen der Künstler werden verschiedene kostenlose Workshops unter kompetenter Leitung angeboten, zu denen von Kindern und Jugendlichen über Kursteilnehmern der Volkshochschule bis zu Menschen mit Behinderung alle Bevölkerungsgruppen eingeladen sind. Die Teilnehmer erhalten einerseits Anleitung von ihren Dozenten, andererseits können sie mit den internationalen Künstlern fachsimpeln und ihnen über die Schulter schauen.

Parallel zum künstlerischen Schaffen läuft ein kulturelles Rahmenprogramm. Zum Abschluss der Woche gibt es ein großes Fest, bei dem alle Kunstwerke präsentiert werden und hunderte Besucher kommen. Strafgefangene der Jugendstrafanstalt Ichtershausen sind beim Erstellen der Fundamente für die Kunstwerke behilflich. Die Dorfbewohner tragen durch die Unterbringung der Künstler und deren Versorgung zum Gelingen bei. Durch die ständige Anwesenheit von Dolmetschern ist der Dialog mit den Künstlern jederzeit möglich.

Der Kunstwanderweg verzeichnet hohe Besucherzahlen mit steigender Tendenz. Die Volkshochschule bietet Führungen entlang des Kunstwanderweges an. Das Thüringer Institut für Lehrplangestaltung und Methodik (THILLM) hat den Kunstwanderweg als außerschulische
Lernplattform online gestellt; dort finden Lehrer entsprechend der Klassenstufe didaktische Anleitung für Exkursionen zum Kunstwanderweg und zur Nachbereitung.

Die Pflege des Kunstwanderweges erfolgt seit einigen Jahren durch das Johannes-Falck-Projekt (eine Maßnahme für Langzeitarbeitslose und ehemalige Strafgefangene). So haben drei Langzeitarbeitslose aus Kleinbreitenbach eine verantwortungsvolle Aufgabe direkt vor Ort gefunden.

Ansprechpartnerin

 kunstwanderweg-kleinbreitenbach.de

Sonderpreise

OrtungInteraktives Besucherprojekt der Kunsthalle Emden

Zwei Kulturinstitutionen erhalten die diesjährigen Sonderpreise: die Kunsthalle in Emden für das interaktive Besucherprojekt „Ortung“, mit dessen Entdecker-Kit Reisende ihr Erleben künstlerisch dokumentierten. Die Ergebnisse der künstlerischen Forschungsreisen sind ein gelungenes Beispiel für die Aktivierung von (Nicht-)Besucher/innen.

„Ortung“ war ein interaktives Besucherprojekt der Kunsthalle Emden, das im Rahmen der Ausstellung „Neuland! Macke, Gauguin und andere Entdecker”, die von September 2013 bis Januar 2014 in der Kunsthalle zu sehen war, stattfand. „Ortung” begann aber schon viel früher!

Seit Juli 2013 waren unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer in aller Welt unterwegs und dokumentierten ihre Reise mit einem Entdecker-Kit. Dafür haben wir zwei verschiedene Ausrüstungen entwickelt: ein Entdecker-Kit für Reisende und eines für Daheimbleibende.

Unsere 200 gepackten Kits enthielten ein Maßband, orangefarbene Kreide, einen Graphitstift, ein Skizzenbuch, einen Schrittzähler, eine Lochkamera (wahlweise in drei unterschiedlichen
Größen) und eine Gebrauchsanleitung. Mit all diesen Materialien wurden die unterschiedlichen Erlebnisse auf Reisen oder daheim künstlerisch dokumentiert und uns zu Beginn der Neuland-Ausstellung zurückgebracht. Bereits ein Jahr vor Projektbeginn waren unsere Lochkameras auch mit Forschungsschiffen des MARUM (Center for Marine Environmental Sciences University of Bremen) unterwegs.

Die Kunsthalle in Emden wurde 1986 durch das Mäzenatentum von Henri Nannen, dem Gründer und langjährigen Chefredakteur des STERN, und seiner Ehefrau Eske ins Leben gerufen. Neben hochkarätigen Ausstellungen steht sowohl die praktische als auch theoretische Kunstvermittlung im Zentrum der Aktivitäten. Hier setzen wir einen Fokus auf die Themen Partizipation und Interaktion.

Bereits seit 2005 erarbeiten wir mit Besuchern in partizipativen Projekten künstlerische Kommentare zu unseren Ausstellungen. „Ortung“ ist dabei ein besonderes Beispiel für die Aktivierung von (Nicht-)Besuchern und steht exemplarisch für eine langfristige Auseinandersetzung der Teilnehmenden mit einem unserer Ausstellungsthemen.

Alle Ergebnisse der künstlerischen Forschungsreisen wurden in der Kunsthalle als Installation gezeigt. Alle Teilnehmer konnten außerdem bis zu zehn Personen zu einem Ausstellungsrundgang einladen und neben den eigenen Ausstellungsergebnissen auch die gesamte Ausstellung zeigen.

Bereits während der Projektlaufzeit und parallel zur Projektpräsentation schrieben wir einen Blog, auf dem eingegangene Fotos und Kommentare durch die Teilnehmer gepostet werden konnten. Außerdem sind dort Fotos unserer begehbaren Lochkamera zu sehen, die über die gesamte Laufzeit der Ausstellung Langzeitbelichtungen aufnahm.

Ansprechpartnerin

Projektdokumentation

kunsthalle-emden.de

Trilogie des Geldes I-IIIFür Alle, die noch ein paar Fragen haben

Das Theater-Bildungs-Projekt „Trilogie des Geldes“ verfolgt die Idee einer theatralen Akademie für Wirtschaftswissenschaft. Wirtschaftliche Muster werden als Theaterszenarien begriffen und auf  in diesem darstellerischen Zugang wird sichtbar, wie wirtschaftliche Prozesse politischer Entscheidungen funktionieren. Das Projekt  schafft damit ein Forum des Verstehens und Hinterfragens wirtschaftlicher und politischer Zusammenhänge  mit künstlerischem Zugang.

Das Theater-Bildungs-Projekt „Trilogie des Geldes“ verfolgt die Idee einer theatralen Akademie für Wirtschaftswissenschaft. Im interdisziplinären Zusammenspiel von Künstlern und Wissenschaftlern werden dabei wirtschaftliche Muster als Theaterszenarien begriffen und auf unterhaltsame Art wird sichtbar, wie wirtschaftliche Prozesse funktionieren und politische Entscheidungen beeinflussen. Das eigens dafür entwickelte Theaterformat ist interaktiv angelegt, so dass Inhalte nicht nur vermittelt, sondern im Mitspielen und Handeln direkt erfahrbar gemacht werden.

Die jeweilige theatrale Darstellungsform wird dabei entsprechend der jeweils verschiedenen Inhalte und Fragestellungen entwickelt, so dass szenisches Spiel, Interviews mit Experten, interaktive Spielmöglichkeiten der Zuschauer, Diskussionen und Musik als gleichberechtigte Elemente nebeneinander stehen. Die Einbindung des Publikums spielt dabei eine wesentliche Rolle. Jeder Abend hat seine eigene Währung, seien es nun Kauri-Muscheln, neues Papiergeld oder Glücksgefühle, die jeder Einzelne durch Mitspielen, theatrale Dienstleistungen oder aktive Teilnahme an Aktiengeschäften initiativ vermehren kann.

Die Grundidee des Projektes war, ein Forum zu schaffen, in dem junge Menschen und Erwachsene außerhalb der klassischen Bildungsinstitutionen die Möglichkeit haben, wirtschaftliche und politische Zusammenhänge zu verstehen und zu hinterfragen, welche Auswirkungen wirtschaftspolitische Entscheidungen auf das konkrete Lebensumfeld des Einzelnen haben.

Dieses Format bietet die Möglichkeit eines mobilen Forums, da Orte der gesellschaftlichen Partizipation und Wissensvermittlung entweder gar nicht vorhanden oder oft zu stark institutionell geprägt sind. Ausdrückliches Anliegen der Trilogie des Geldes ist es, einen kulturellen Beitrag zur politischen Bildung zu leisten, indem die Pluralität von Sichtweisen und Realitäten aufgezeigt wird und Alternativen diskutiert werden.

Die ersten drei Teile haben einen Bogen von den Ursprüngen der Geldgeschichte bis zu den Krisen des gegenwärtigen Finanzwesens geschlagen.

Teil I: Geld macht Geschichte(n)
Teil II: Banken und Kredite. Eine Odyssee durch die Finanzmärkte mit Kursausrichtung
Teil III: Geld und Glück oder das Elend der trügerischen Hoffnung

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Gefördert vom Innovationsfond Baden-Württemberg