D Angebot an beruflicher Bildung und politische Steuerung

Ziel der Beiträge im vorliegenden Buchteil ist, das Nebeneinander unterschiedlicher Verfahren der Steuerung in der beruflichen Bildung in Bezug auf die Festlegung von Bildungszielen und Lerninhalten transparent und greifbar zu machen.

Entsprechend der hohen Komplexität der Elemente und Abhängigkeiten, die nicht auf das Bildungssystem beschränkt bleibt, sondern unter anderem zudem das System der Wirtschaft und der sozialen Sicherung betrifft, kann ein umfassender und systematischer Überblick kaum gelingen. Gleichwohl können in den Beiträgen einige gemeinsame Grundlinien identifiziert werden. So werden in Bezug auf die berufliche Bildung stets Ansprüche an das Individuum formuliert, die auf die Nützlichkeit und Verwertbarkeit von Qualifikationen und Kompetenzen hinweisen.

Berufliche Bildung steht so immer im Kontext der wirtschaftlichen Entwicklung einer Gesellschaft – sehr grundsätzlich gilt der Qualifikationsstand der erwerbstätigen Bevölkerung als wesentliche Voraussetzung für die wirtschaftliche Wohlfahrt. Es stellt sich die Frage, ob diese Prämisse als Gegensatz zu den Ansprüchen des Individuums nach Mündigkeit und Emanzipation steht, oder doch in Einklang zu bringen ist mit der Möglichkeit einer selbstbestimmten Lebensführung und -bewältigung.

Im Zusammenhang mit der Verbindung von Qualifikation und wirtschaftlicher Entwicklung ist des Weiteren offensichtlich, dass berufliche Bildungsplanung den sozialen, technischen und ökonomischen Fortschritt antizipieren muss. Bildungsplanung braucht daher Verfahren der Prognose, aber auch eine Bewusstheit über die Mittel, die technische und ökonomische Entwicklung zu beeinflussen. Um dabei nicht technokratischen Vorstellungen einer umfassenden Machbarkeit zu erliegen, ist es selbstverständlich notwendig, auch die historische Entwicklung zu kennen, um das Verharrungsvermögen und die künftige Ausrichtung beispielsweise von Bildungseinrichtungen als Pfadabhängigkeiten beurteilen zu können.

Auszug aus dem Vorwort zum Buchteil C

D1Angebot an beruflicher Erstausbildung und ausgewählte Einflüsse

Silvester Popescu-Willigmann & Lukas Lutz

Ziel des Beitrags ist es, der Leserin und dem Leser grundlegendes Wissen zur Angebotsseite des Ausbildungsmarkts zu bieten.

Zur Förderung eines Verständnisses der Wirkmechanismen, die das Angebot beeinflussen, werden theoretische Konzepte der Angebotsplanung vorgestellt sowie Einflussfaktoren aus Gesellschaft und Wirtschaftssystem diskutiert.

Des Weiteren wird der deutsche Ausbildungsmarkt genauer in den Blick genommen und die grundlegenden Angebotsformen beruflicher Erstausbildung erläutert.

Zur Verknüpfung zwischen den eher theoretisch fundierten Ausführungen zum Rahmen der Angebotssteuerung und -entstehung mit den konkreten Formen beruflicher Ausbildung wird auf empirisches Material zurückgegriffen, das die quantitative Bedeutung der unterschiedlichen Arten des beruflichen Ausbildungsangebots darstellt und anhand ihrer zeitlichen Entwicklung Bedeutungsverschiebungen illustriert.

Schlagworte

Angebots-Nachfrage-Disparität · Ausbildungsmarkt · Bildungsexpansion · Qualifikationsanforderungen · Tertiarisierung

Zitationsvorschlag

Popescu-Willigmann, Silvester/Lutz, Lukas (2015): Angebot an beruflicher Erstausbildung und ausgewählte Einflüsse. In: Klebl, Michael/Popescu-Willigmann, Silvester (Hg.): Handbuch Bildungsplanung. Ziele und Inhalte beruflicher Bildung auf unterrichtlicher, organisationaler und politischer Ebene. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, S. 663-718.

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D2Ordnung der Systeme beruflicher Bildung in Deutschland

Johannes Koch

Wer eine Beschäftigung sucht, muss die dafür notwendigen Qualifizierungen nachweisen. Die werden üblicherweise in den Systemen der beruflichen Bildung erworben, sie vermitteln Erwerbs- und damit Lebenschancen, und sie sind entscheidend für den Erfolg im internationalen Wettbewerb der Volkswirtschaften.

Trotz dieser unabweisbaren Relevanz gibt es weder einen einheitlichen Ordnungsrahmen noch eine Bundeskompetenz für die Gestaltung dieser wichtigen Teile des Bildungssystems, und es ist auch keine bildungspolitische Absicht erkennbar, solche zu schaffen.

Berufsbildungspolitik ist durch widersprüchliche Rahmenvorgaben und Ziele bestimmt. Einerseits verbietet die im Grundgesetz verankerte Freiheit der Berufswahl eine gezielte Lenkung der Bewerberströme, andererseits wird der Erfolg daran gemessen, wie viele der Absolventen anschließend eine Beschäftigung finden. Ein Ausgleich dieser Widersprüche würde intelligente Regelungen in einem bundeseinheitlichen Ordnungssystem voraussetzen, wie sie teilweise im dualen System zu finden sind.

Stattdessen herrscht bildungspolitische Kleinstaaterei. Die berufliche Bildung an Berufsschulen, Berufsfachschulen und Hochschulen wird durch die Gesetzgebungskompetenz von 16 Bundesländern bestimmt. Dem gegenüber steht ein bundeseinheitlicher Arbeitsmarkt, der nur mit einheitlichen Berufsabschlüssen und vergleichbaren Qualifikationen funktioniert. Vergleichbare Berufsabschlüsse fordert auch die Europäische Union für ihre Bemühungen einen einheitlichen europäischen Arbeitsmarkt zu schaffen. Statt durch eine bundeseinheitlichen Zuständigkeit wird die Einheitlichkeit außer für die betriebliche Berufsbildung durch eine Konferenz der Kultusminister der Bundesländer ohne gesetzgeberische Zuständigkeit durch nicht bindende Beschlüsse auf der Grundlage politischer Kompromisse hergestellt.

Wie die einzelnen Systeme der beruflichen Bildung funktionieren und wodurch dabei entstehende Disparitäten ausgeglichen werden, wird in den folgenden Ausführungen dargestellt.

Schlagworte

Berufsbildungsgesetz (BBiG) · Duales System der Berufsausbildung · Ordnungsarbeit · Schulberufssystem · Übergangssystem

Zitationsvorschlag

Koch, Johannes (2015): Ordnung der Systeme beruflicher Bildung in Deutschland. In: Klebl, Michael/Popescu-Willigmann, Silvester (Hg.): Handbuch Bildungsplanung. Ziele und Inhalte beruflicher Bildung auf unterrichtlicher, organisationaler und politischer Ebene. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, S. 719-748.

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D4Früherkennung von Qualifikationserfordernissen

Lars Windelband

Ausgehend von dem strukturellen Wandel in Industrie, Handwerk, Wirtschaft und Verwaltung in den vergangenen Jahrzehnten steht heute sowohl die Berufsbildungsforschung als auch die Berufsbildungsplanung vor der Herausforderung, den Wandel gründlich zu erschließen, um über genügend Kenntnisse und Informationen zur Formulierung von Zukunftsperspektiven zu verfügen.

Gleichzeitig setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass von der Ausbildung des Fachkräftenachwuchses in hohem Maße die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit der Wirtschaft abhängt. Damit gewinnt die Früherkennung von Qualifikationserfordernissen verstärkt an Bedeutung, um frühzeitiger auf diese neuen Herausforderungen reagieren zu können. Die Berufsbildungsforschung hat die Bedeutung dieser Thematik als „Hilfsmittel“ für die Berufsbildungsplanung erkannt und setzt erste „Forschungskonzepte“ um.

Im Beitrag werden die Ziele und der Stand der Früherkennungsforschung dargestellt. Etablierte Ansätze und Forschungsergebnisse werden beschrieben und deren Bedeutung für die Bildungsplanung erläutert.

Schlagworte

Arbeitskräftebedarfsprojektion · Berufsbildungsforschung · Früherkennungsverfahren · Prognoseverfahren · Trendqualifikation

Zitationsvorschlag

Windelband, Lars (2015): Früherkennung von Qualifikationserfordernissen. In: Klebl, Michael/Popescu-Willigmann, Silvester (Hg.): Handbuch Bildungsplanung. Ziele und Inhalte beruflicher Bildung auf unterrichtlicher, organisationaler und politischer Ebene. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, S. 769-792.

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D5Weiterbildung als wirtschafts- und bildungspolitisches Instrument

D6Akademisierung der Berufsbildung

Michael Klebl

In Deutschland ist die Berufsbildung nicht nur ein eigener Bildungsbereich, der deutlich vom allgemeinbildenden Schulwesen und dem Hochschulbereich abgegrenzt ist.

Die deutsche Berufsausbildung ist im Vergleich zu anderen Ländern zudem weit entwickelt und stark institutionalisiert. Gegenüber der allgemeinen und der akademischen Bildung verweist die berufliche Bildung auf einen spezifischen Eigenwert, das heißt, auf besondere Qualitäten: den Wert des berufspraktischen Erfahrungslernens, den Berufsbezug und die Nützlichkeit der berufsbildend erworbenen Qualifikationen sowohl für die Betriebe als auch für das Individuum.

Dennoch lässt sich für die vergangenen Jahre ein Trend beschreiben, der als „Akademisierung“ bezeichnet werden kann, und die Berufsbildung wesentlich prägt.

Immer mehr theoretisch-wissenschaftlich ausgerichtete Elemente finden Eingang in die berufliche Bildung. Gleichzeitig ist auf Seiten der akademischen Bildung eine Entwicklung hin zu einer Orientierung an der Arbeitswelt zu erkennen. Diese Entwicklungen stehen ganz im Einklang mit dem für viele Ländern feststellbaren Trend hin zu mehr akademischer Bildung für größere Anteile der Bevölkerung, dem „academic drift“.

Der vorliegende Beitrag erläutert die Differenzen zwischen beruflicher und akademischer Bildung und beschreibt das Verhältnis beider Bildungsbereiche. Auf dieser Grundlage werden die Entwicklungen nachgezeichnet, die sich als Akademisierung der Berufsbildung fassen lassen: die Veränderungen der Anforderungen in der Arbeitswelt, die Anpassungsreaktionen des Systems des Berufsbildung, die von beidem ­beeinflussten Entwicklungen im Hochschulbereich und nicht zuletzt, die Hoffnung auf die Überwindung der Trennung und Hierarchisierung beider Bildungsbereiche.

Schlagworte

Akademisierung · Durchlässigkeit · Gleichwertigkeit · Öffnung der Hochschulen · Verberuflichung

Zitationsvorschlag

Klebl, Michael (2015): Akademisierung der Berufsbildung. In: Klebl, Michael/Popescu-Willigmann, Silvester (Hg.): Handbuch Bildungsplanung. Ziele und Inhalte beruflicher Bildung auf unterrichtlicher, organisationaler und politischer Ebene. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, S. 813-844.

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D7Rationalisierung von Arbeit: Dequalifizierung und Subjektivierung

Simone Kattwinkel & Moritz Petzi

Subjektivierung und Entgrenzung von Arbeit und Arbeitskraft werden in der Diskussion um moderne Erscheinungsformen der Organisation von Arbeit gemeinhin als zentrale Phänomene benannt. Sie resultieren aus einer historischen Entwicklung der Rationalitätsvorstellungen in Bezug auf Arbeit und gehen einher mit gewandelten Anforderungen von Erwerbsarbeit und veränderten Ansprüchen der Arbeitenden.

Der vorliegende Beitrag skizziert die historische Entwicklung von Rationalisierungsformen, zeigt deren Bedeutung für die Gestaltung von Arbeit auf und diskutiert deren Implikationen für die berufliche Bildung und Bildungsplanung.

Schlagworte

Dequalifizierung · Entgrenzung von Arbeit · Rationalisierung · Subjektivierung von Arbeit · Taylorismus

Zitationsvorschlag

Kattwinkel, Simone/Petzi, Moritz (2015): Rationalisierung von Arbeit: Dequalifizierung und Subjektivierung. In: Klebl, Michael/Popescu-Willigmann, Silvester (Hg.): Handbuch Bildungsplanung. Ziele und Inhalte beruflicher Bildung auf unterrichtlicher, organisationaler und politischer Ebene. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, S. 845-872.

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