C Nachfrage nach beruflicher Bildung

Die Beiträge in diesem Buchteil beschäftigen sich vornehmlich, aber nicht ausschließlich, mit Fragen der Berufswahl und dem Zugang zu Ausbildungsplätzen oder anderen Formen des Berufslernens – in Abhängigkeit vom sozioökonomischen Status, von Geschlecht, von Behinderung, aber auch in Bezug auf Perspektiven einer autonomen Lebensgestaltung und des sozialen Aufstiegs.

Zusammen mit sehr grundlegenden Annahmen zur quantitativen Entwicklung von Adressat:innengruppen im Sinne der Demografie sowie mit Blick auf den technischen Fortschritt in fast allen Berufsfeldern bieten diese Betrachtungen einen generalisierbaren Zugang zur Nachfrage nach Bildung, der auf unterschiedliche Bereiche der Bildungsplanung auf Mikro-, Meso- und Makroebene übertragen werden kann.

Die in diesem Buchteil versammelten Beiträge bleiben dabei keinesfalls bei der Beschreibung von Eigenschaften stehen, die mit Blick auf die Adressat:innengruppen Entscheidungen in Bezug auf berufliche Bildungsbemühungen beeinflussen. Im Gegenteil: Kennzeichen der Betrachtung ist regelmäßig, interaktive und rückgekoppelte Prozesse zu identifizieren und zu analysieren, beispielsweise die Entstehung von Bildungsaspirationen, die Ausbildung von Geschlechterstereotypen oder die Effekte der Stigmatisierung.

Es ist leicht erkennbar, dass entsprechende Voraussetzungen bei den Adressatinnen und Adressaten von Bildungsbemühungen zugleich immer auch das Ergebnis von Bildungsaktivitäten sind, wobei entsprechende Funktionen des Bildungssystems zum Teil tief strukturell verankert sind.

Ziel der Beiträge in diesem Buchteil ist daher nicht nur, entsprechende Zusammenhänge zu benennen und zu erörtern, sondern – soweit dies im Rahmen der Ausführungen möglich ist – auch Wege zur Veränderung und Einflussnahme aufzuzeigen sowie die Relevanz der Zusammenhänge für bildungsplanerische Aufgabenstellungen zu verdeutlichen.

Auszug aus dem Vorwort zum Buchteil C

C1Soziale und persönliche Einflüsse

Silvester Popescu-Willigmann & Lukas Lutz

Der folgende Beitrag widmet sich der Nachfrage nach beruflicher Ausbildung, konkret: den Suchbemühungen in der Regel junger und jugendlicher Menschen nach einem Ausbildungsplatz.

Die Leserin bzw. der Leser erhält Erklärungsansätze, die ­Rückschlüsse auf das Zustandekommen von Disparitäten zwischen Nachfrage und Angebot auf dem Ausbildungsmarkt ermöglichen und zugleich Anknüpfungspunkte zur Schließung von Lücken zwischen Angebot und Nachfrage bieten.

Die Autoren betrachten ausgewählte Einflüsse, die die Nachfrage nach beruflicher Ausbildung konstituieren: Dies sind die demografische Entwicklung, die Bildungsaspirationen junger Menschen, Effekte der „Bildungsexpansion“ sowie individuelle Berufswahlentscheidungen.

Die Ausführungen möchten sowohl Anknüpfungsmöglichkeiten für Bildungsplanerinnen und Bildungsplaner in Politik und Verbänden – also den mit der Systemgestaltung betrauten Personen der Makro-Ebene – bieten, als auch zugleich mit Planungen betraute Akteurinnen und Akteure in der Berufsbildungspraxis der Meso- und Mikroebene ansprechen, die schulische und betriebliche Ausbildungsangebote gestalten, ihr Verständnis für ihre Zielgruppe, die Ausbildungsnachfragenden, schärfen sowie zielgruppengerechte Ziele und Inhalte beruflicher Bildungsangebote formulieren möchten.

Schlagworte

Ausbildungsmarkt · Berufsberatung · Berufswahltheorie · Bildungsaspiration · Bildungsexpansion

Zitationsvorschlag

Popescu-Willigmann, Silvester/Lutz, Lukas (2015): Soziale und persönliche Einflüsse auf die Nachfrage nach beruflicher Ausbildung. In: Klebl, Michael/Popescu-Willigmann, Silvester (Hg.): Handbuch Bildungsplanung. Ziele und Inhalte beruflicher Bildung auf unterrichtlicher, organisationaler und politischer Ebene. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, S. 501-554.

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C2Jugendarbeitslosigkeit aus einer europäischen Perspektive

Hans Dietrich

Der Beitrag führt in die Thematik Jugendarbeitslosigkeit in Abgrenzung zu alternativen Konzepten wie sozialer Exklusion oder NEET sowie unter Rückgriff auf zentrale theoretische Ansätze ein, stellt die vorherrschenden Verfahren zur Messung von Jugendarbeitslosigkeit und darauf bezogene Kennziffern vor und berichtet ausgewählte aktuelle empirische Befunde. Weiterhin werden individuelle Folgen von Jugendarbeitslosigkeit kritisch diskutiert.

Schlagworte

Exklusion · Jugendarbeitslosigkeit · NEET · Scarring · School-to-Work-Transition

Zitationsvorschlag

Dietrich, Hans (2015): Jugendarbeitslosigkeit aus einer europäischen Perspektive. In: Klebl, Michael/Popescu-Willigmann, Silvester (Hg.): Handbuch Bildungsplanung. Ziele und Inhalte beruflicher Bildung auf unterrichtlicher, organisationaler und politischer Ebene. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, S. 555-586.

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C3Alle Jahre wieder: Der Einfluss von Gender in der Berufswahl

Britta Thege & Marike Schmeck

Der Beitrag beschäftigt sich mit der bis heute anhaltenden Persistenz geschlechtsspezifischer Berufswahlentscheidungen beim Berufseintritt junger Frauen und Männer in Deutschland und dem Phänomen des horizontal – das heißt beruflich – segmentierten Ausbildungs- und Arbeitsmarktes.

Bedeutsam ist dies zum einen deshalb, weil die berufliche Segregation eine einflussreiche Dimension sozialer Ungleichheit zwischen Frauen und Männern im Erwerbsleben darstellt. Zum anderen hat das geschlechtsspezifische Berufswahlverhalten zur Folge, dass dem Arbeits- und Berufssystem wichtige Potenziale verloren gehen, was sich gegenwärtig bereits problematisch in technischen Berufsfeldern oder im Gesundheitsbereich, besonders in der Pflege, auswirkt und gemeinhin unter dem Stichwort Fachkräftemangel diskutiert wird.

Ziel des Beitrags ist, diejenigen Instanzen, die bei der Berufswahlentscheidung eine wichtige Rolle spielen – mit Berufsorientierung befasste Akteure und Akteurinnen wie Lehrkräfte, Berufsberater und Berufsberaterinnen, aber auch betriebliche Personalverantwortliche – einmal mehr für die Bedeutung der Kategorie Geschlecht und des doing gender im Zusammenhang mit den Berufswahlentscheidungen junger Menschen zu sensibilisieren und Perspektiven für eine veränderte Praxis jenseits der traditionellen Geschlechterzuschreibungen zu eröffnen.

Dazu informiert der Beitrag zunächst über aktuelle Entwicklungen des geschlechtsspezifisch geteilten Ausbildungsmarktes, skizziert wesentliche Erklärungsansätze der Genderforschung zu den Ursachen geschlechtsspezifischer Berufswahl, umreißt Folgen der Segregation und nimmt schließlich einen Ausblick auf einige grundlegende Aspekte einer gendergerechten Berufsorientierung vor.

Schlagworte

Arbeitsmarktsegregation · Berufsberatung · Berufswahl · Gender · Profession

Zitationsvorschlag

Thege, Britta/Schmeck, Marike (2015): Alle Jahre wieder: Der Einfluss von Gender in der Berufswahl. In: Klebl, Michael/Popescu-Willigmann, Silvester (Hg.): Handbuch Bildungsplanung. Ziele und Inhalte beruflicher Bildung auf unterrichtlicher, organisationaler und politischer Ebene. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, S. 587-612.

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C4Die UN-Behindertenrechtskonvention

Sebastian Barsch

Die Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention Jahr 2009 hatte massive Auswirkungen auf den bildungspolitischen Diskurs in Deutschland. Mittlerweile befindet sich das deutsche Bildungssystem in einer Phase der Neuorientierung, die ausgehend von neuen Strukturen in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern an den Universitäten und in der 2. Phase der Ausbildung auch Einfluss auf die Zusammensetzung von Kollegien und Konzeptionen in Institutionen der Berufsbildung hat.

Der Beitrag befasst sich vor allem mit den Auswirkungen der Behindertenrechtskonvention auf den (berufs-)schulischen Teil der Ausbildung. Menschen mit Behinderungen befinden sich derzeit noch nahezu ausschließlich in nichtinklusiven Beschäftigungsverhältnissen, so dass die Systeme der Berufsbildung und damit verbunden die beruflichen Tätigkeiten generell noch entlang der traditionellen Linien der Benachteiligtenförderung und beruflichen Rehabilitation aufgebaut sind.

Der Beitrag soll die UN-Behindertenrechtskonvention allgemein vorstellen und mögliche Auswirkungen auf die berufliche Bildung für Menschen mit Behinderungen skizzieren. Dazu wird das gegenwärtige System dargestellt, welches mit der Konvention gleichzeitig in Frage gestellt wird. Ein wesentliches Ziel des Beitrages besteht darin, Auswirkungen auf die berufliche Bildung dieser Gruppe zu antizipieren und zu zeigen, welche Akteure und Einrichtungen zukünftig stärker kooperieren werden müssen.

Schlagworte

Behinderung · Benachteiligtenförderung · Berufliche Rehabilitation · Inklusion · Segregation

Zitationsvorschlag

Barsch, Sebastian (2015): Die UN-Behindertenrechtskonvention und die Auswirkungen auf das berufliche Bildungssystem. In: Klebl, Michael/Popescu-Willigmann, Silvester (Hg.): Handbuch Bildungsplanung. Ziele und Inhalte beruflicher Bildung auf unterrichtlicher, organisationaler und politischer Ebene. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, S. 613-634.

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C5„Fachkräftemangel“ und „Ausbildungs-Mismatch“

Sabrina Berg

Von einer zur nächsten Generation von Auszubildenden wandeln sich Berufe und Berufsgruppen, einige werden neugeordnet, andere fallen weg, neue entstehen. Geht es um gesamtgesellschaftliche Veränderungen auf einer Makroebene, so spiegelt sich der Trend zur Digitalisierung auch im Feld der dualen Berufsausbildung wider.

Unter dem Schlagwort Industrie 4.0 geht mit der Digitalisierung der Arbeitswelt auch eine Digitalisierung der Ausbildungsberufe einher.

Auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt lassen sich zwei Diskurse ausmachen, die in diesem Artikel im Kontext von Industrie 4.0 betrachtet werden:

Unter dem Begriff „Fachkräftemangel“ drückt sich innerhalb von Engpassberufen ein Mangel an beruflich qualifizierten Fachkräften aus. Unter dem Begriff „Passungsproblematik“ (vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2015) wird seit einigen Jahren beschrieben, dass einer hohen Zahl von unbesetzten Ausbildungsplätzen gleichzeitig eine hohe Zahl von Jugendlichen entgegensteht, die keinen Ausbildungsplatz erhalten.

Beide Themenfelder sind inhaltlich dadurch verbunden, dass die Passungsproblematik von heute den Fachkräfteengpass von morgen und übermorgen fördert (vgl. ebd.).

Beide Diskurse werden im vorliegenden Artikel hinsichtlich der Veränderungen im Zuge von Industrie 4.0 beschrieben, die einerseits die Generation von Facharbeitern und andererseits die der Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz nachfragen, betreffen.

Schlagworte

Fachkräftemangel · Generation Y · Industrie 4.0 · Passungsproblematik · Qualifikationswandel

Zitationsvorschlag

Berg, Sabrina (2015): „Fachkräftemangel“ und „Ausbildungs-Mismatch“ im Kontext von Industrie 4.0. In: Klebl, Michael/Popescu-Willigmann, Silvester (Hg.): Handbuch Bildungsplanung. Ziele und Inhalte beruflicher Bildung auf unterrichtlicher, organisationaler und politischer Ebene. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, S. 635-656.

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